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  • AutorenbildNora Brandt

EINBLICKE UND MEHRBLICKE in eine polyamore Beziehung: Interview mit einem Polykül

Aktualisiert: 18. Okt. 2022

Alena* lebt seit fünf Jahren in einer Beziehung mit John* und seit zwei Jahren in einer mit Simon*. John und Simon kennen sich und verstehen sich gut. John führt neben der Beziehung zu Alena auch eine weitere Beziehung mit Louisa*. Im Interview sprechen die drei mit leben.lieben. über ihre Beziehungen und die Chancen und Herausforderungen der Polyamorie.


*Namen von der Redaktion geändert. Es handelt sich auch nicht um die auf den Bildern dargestellten Personen.


Fotografie: Saule Tertelyte



Alena, 28

Alena, du lebst polyamor. Erzähl uns ein bisschen von euch. Wie lange kennt ihr euch? Wie haben sich eure Beziehungen entwickelt?


John kenne ich seit fast fünf Jahren. Wir haben uns auf Tinder, Schrägstrich im Berghain kennengelernt, das lief so ein bisschen parallel. Und über John bin ich eigentlich auch zu dem ganzen Poly-Thema gekommen, weil er zu dieser Zeit schon seit mehreren Jahren mit einer anderen Person in einer polyamoren Beziehung war. Insofern hatte ich den Vorteil, dass ich jemanden kennengelernt habe, der schon relativ erfahren war. Als ich John kennenlernte, war ich sehr fasziniert, weil bis dahin das Gefühl, für immer mit einer Person zusammen zu sein und nur noch mit ihr Sex zu haben, teilweise Panik in mir ausgelöst hat. Wenn es mir zu eng wurde, habe ich auch Beziehungen verlassen. Poly hat für mich dann, als ich mich näher damit beschäftigte und auch Grundlektüren wie The Ethical Slut gelesen habe, oder viel den Podcast Multiamory gehört habe, Türen zu einer anderen Welt geöffnet, die für mich total Sinn ergab – also viel mehr Sinn als Beziehungsmodelle- und Konstrukte davor. Ja, das war also so mein Einstieg in das Poly-Dasein.

In den ersten beiden Jahren war es für mich so eine Eingewöhnungs- und Ausprobierzeit, um für mich herauszufinden, was von den verschiedenen Möglichkeiten, poly zu leben, für mich passt und mir und meinen Bedürfnissen entspricht, auch was eventuelle Dealbreaker für mich sind. Ich glaube, im ersten Jahr habe ich erstmal noch viel angenommen, weil ich ja die Neue in der Beziehung war und das Gefühl hatte, nicht so viele Rechte zu haben und nicht so hohe Ansprüche erheben zu dürfen. Das hat sich dann aber in dem zweiten Jahr ziemlich verändert und führte auch zu einem Punkt, an welchem die Beziehung zu John auf der Kippe stand, zumindest für mich. Ich glaube, er hatte das damals gar nicht als so dramatisch empfunden. Erst als ich dann sagte: „Nein, ich möchte das so nicht mehr“, haben sich die Dinge stark verändert.


Was war die Problematik?


Das lag daran, dass er zu dem Zeitpunkt mit seiner damaligen Partnerin zusammengewohnt hat und ich denke, Zusammenwohnen kann die Dinge in einem Poly-Konstrukt komplizierter machen. Bei ihm Zuhause habe ich mich einfach nicht so richtig wohl und willkommen gefühlt, weil seine damalige Partnerin auch nicht so involviert sein wollte in so „Kitchentable-Polyamory“. Sie war da eher so eingestellt: „Macht ihr mal euer Ding, solange ich meins machen kann.“ Das entsprach aber insbesondere zu diesem Zeitpunkt nicht so ganz meinem Idealbild. Ich fand das sehr belastend. Immer, wenn ich bei John war, hat es sich so angefühlt, als ob da noch so eine andere Person lebt, die aber nicht so viel mit einem spricht. Auch wenn sie überhaupt nicht unhöflich zu mir war…


Also war sie ständig in der Wohnung präsent, wenn ihr euch gesehen habt?


Jaja. Also wie gesagt, sie haben zusammengewohnt, hatten aber zwei getrennte Zimmer. Aber das war sehr herausfordernd und hat auf Dauer nicht so gut funktioniert. Einer der Faktoren bei dieser „Fast-Trennung“ mit John war auch mein Wunsch, dass sich die beiden voneinander getrennte Wohnungen suchen, weil ich nicht dauerhaft in der Wohnung von jemandem sein wollte, der mit mir nicht viel zu tun haben will. Das ist zwar völlig legitim, man kann ja niemanden zwingen, Zeit mit einem zu verbringen, aber das fühlte sich einfach nicht gut an.


Das war ja doch eine sehr starke Forderung, die du da gestellt hast und das, obwohl du zu Beginn das Problem hattest, deine eigenen Bedürfnisse zu formulieren. War das ein großer Schritt für dich, diesen Wunsch zu äußern? Wie reagierte John darauf?


Naja, das war ja kein Ultimatum, das ich von heute auf morgen stellte, sondern ein schleichender Prozess. Das Zusammenleben der beiden lief auch unabhängig von John und mir problematisch. Ich denke, in dieser Wohnungskonstellation war niemand von uns wirklich glücklich. Ich merkte für mich, dass es mir psychisch nicht guttat, und dass ich mich in dieser Wohnsituation weiterhin nicht aufhalten wollte. Die andere Möglichkeit wäre gewesen, dass ich nicht mehr zu John nach Hause gehe. Diese Phase gab es auch zwischendurch, dass ich nicht zu ihm kam, wenn seine Partnerin da war. Wäre das eine lockerere Sache gewesen zwischen uns, hätte das so vielleicht funktioniert, aber nicht mit der Intensität, in die unsere Beziehung sich bis dahin entwickelt hatte. Wir haben sehr viel Zeit miteinander verbracht und waren sehr eng geworden. Da habe ich klar gesagt: „Entweder die Lebensumstände verändern sich oder ich möchte diese Beziehung so nicht weiterführen.“


Und die Lebensumstände veränderten sich? John ging auf deinen Wunsch ein?


Ja, die Lebensumstände haben sich dann verändert, aber das dauerte noch ein paar Monate. Als die beiden dann auseinanderzogen sind haben sie sich auch voneinander getrennt. Da liefen viele Dinge sowieso nicht besonders rund, die Trennung hatte sich schon abgezeichnet. Ich denke, eines der Kernprobleme war, dass John und seine damalige Partnerin damals dachten, sie führten eine komplett nichthierarchische Poly-Beziehung und jeder konnte machen, was er oder sie wollte. Aber es gab viele verdeckte Hierarchie-Strukturen, die vorher noch niemand aufgebohrt hatte, weil es auch nicht nötig gewesen war, weil keine andere Beziehung so eng geworden ist. Und ich glaube, weil wir uns damals dann so viel mit Poly-Konstrukten, Modellen und Übungen beschäftigt haben, mit Boundaries, einfach mit unseren Bedürfnissen, was für uns funktioniert, was für uns nicht funktioniert oder für jede einzelne Person – wir brauchen da gar kein generisches Wir – wurden dann auch viele verdeckte Hierarchie-Strukturen in der Beziehung der beiden sichtbar, und unsere Beziehung auch somit zu einem kleinen Gamechanger.


Das heißt, du wurdest, initiiert von John, in diese polyamore Lebensweise eingeführt, aber ihr habt das zusammen weiterentwickelt und ausgebildet und er hat sich da auch noch einmal sehr stark entwickelt?


Ja, ich glaube so kann man das ganz gut zusammenfassen.


Und dann kam irgendwann Simon ins Spiel?


Genau. Dann hatten sich die beiden 2018 getrennt und ich hatte zwischendrin auch andere Beziehungen mit anderen Partner*innen, die nicht so lange gehalten haben, und dann kam im Juni 2019 Simon mit ins Bild, den ich über einen Ex von mir kenne, der extrem gut mit Simon befreundet ist.


Wie ging der Ex damit um?


Das war ziemlich easy, ziemlich locker, ich glaube er hat sogar ein bisschen gekuppelt. Insofern war das ganz witzig und wir haben den ganzen Sommer zusammen in der Bibliothek verbracht und unsere Abschlussarbeiten geschrieben. Seit September 2019 daten wir uns.


War das Polyleben für Simon komplett neues Terrain?


Ich glaube, er hatte damit schon Berührungspunkte, es aber nicht so intensiv gelebt. Ich weiß auch noch, dass Simon und ich in diesen Bibliothekszeiten, noch bevor wir was miteinander anfingen, Gespräche darüber hatten, in denen er meinte, das sei ihm alles zu „hippiesk“. Ja, es scheint ihm doch nicht zu „hippiesk“ zu sein, weil er auch seit fast zwei Jahren in diesem Polycule ist.


Wie funktionierte nach deinem Empfinden diese Integration? Einerseits für dich und John, wo ihr beide schon sehr aneinandergewachsen wart und euch in dem Poly-Leben schon weit entwickelt hattet und dann andererseits für Simon? Gab es da Schwierigkeiten?


Also ich würde sagen es wäre besorgniserregend, wenn es keine Schwierigkeiten geben würde, weil ich glaube Reibung gehört einfach dazu und ist auch so ein Teil von Entwicklung. Insofern war es natürlich herausfordernd. Zum einen, weil sich natürlich auch zeitlich Dinge verändert haben: Ich habe weniger Zeit effektiv mit John verbracht. Es hat aber sehr geholfen, dass die beiden sich davor schon kannten und sich sehr gut verstanden. Das hilft einfach, das macht es leichter mit Eifersuchtsgefühlen und mit dieser „New Relationship Energy“ (NRE) umzugehen. Sich auch mitfreuen zu können, wenn der*die Partner*in gerade sehr verliebt ist, ist zwar einerseits sehr herausfordernd, aber zum anderen glaube ich auch wichtig, um Raum zu lassen.


Zu überwindende Eifersucht ist in dieser Entwicklung ja ein wichtiges Thema und wird auch von vielen als Grund empfunden, sich nicht auf offene Beziehungen einlassen zu können. Du meintest eben, die Freude für die*den anderen sei wichtig. Meinst du, sie könnte der Schlüssel sein, Eifersucht zu überwinden?


Ich glaube ich habe sowieso einen eigenen Approach zu dieser ganzen Eifersuchtsgeschichte. Ich glaube nicht, dass das eine Sache ist, die man einmal überwindet, und dann kommt das nie wieder. Und ich glaube, wenn man das denkt, kann das sehr gefährlich werden, weil man dann eventuell nicht merkt, wenn man eifersüchtig ist, weil man sich denkt: „Ach, das habe ich ja schon vor drei Jahren hinter mir gelassen.“ Und ich meine, Eifersucht kann in so vielen Arten und Facetten auftreten, dass es halt auch manchmal schwierig ist das zu erkennen. Aber ich glaube der Kernfaktor, um mit Eifersucht umzugehen ist, sich einzugestehen, dass man eifersüchtig ist. Sich und allen anderen. Ich glaube, das ist das Allerwichtigste, denn erst dann kann ich mit meine*m*n Partner*innen kommunizieren und sagen: „Hey ich bin eifersüchtig. Mir geht‘s nicht gut. Ich brauche mehr Zuwendung. Ich brauche ein schönes Date. Ich brauche irgendwie Rückhalt“ et cetera et cetera. Und wenn ich nicht in der Lage bin das zu verbalisieren wird es schwierig. Insofern ist das glaube ich noch wichtiger, um mit Eifersucht umzugehen, als das Sich-für-die-andere-Person-Mitfreuen. Aber vielleicht gehen diese Sachen auch Hand in Hand.


Du hast ja nun schon zwei Themen angesprochen: die Eifersucht erstens zu erkennen und zweitens zu kommunizieren. Kommunikation ist in jeder Beziehung ein wesentlicher Gelingensfaktor, aber insbesondere polyamore Beziehungen erfordern diese. Neben Kommunikation und dem In-sich-selbst-Hineinhören: Was hältst du für die Schlüsselfaktoren für das Gelingen einer polyamoren Beziehung?


Ich glaube, das muss auch jede Person für sich selbst entscheiden, ich kann immer nur von meiner Erfahrung sprechen. John und ich haben 2018 angefangen „RADARS“ zu machen. Das ist ein Gesprächsformat, abgleitet von „Scrum“. Das ist von diesem Multiamory-Podcast und klingt super technokratisch, weil es so eine festgeschriebene Agenda gibt und man einfach über alle Lebensbereiche spricht. Das war für uns ein absoluter Gamechanger in der Beziehung, weil wir gezwungen waren, uns alle vier Wochen intensiv mit uns, unserer Beziehung und unseren Gefühlen auseinanderzusetzen, ohne diesen Moment zu haben: „Wir müssen reden.“


Das ist aber etwas, das zwischen euch beiden stattfand? Ihr habt also nicht noch andere mit ins Gespräch genommen?


Genau, das haben wir beide angefangen. Irgendwann habe ich das aber auch mit Simon angefangen und John macht das auch mit seiner anderen Partnerin. Ich glaube, das ist für alle Beteiligten sehr hilfreich. Da gibt es diese vorgefertigte Agenda, mit welcher du über andere Partner*innen sprichst, über Haushalt, Familie, Freunde, Geld, Job, Qualitytime, über Streit und Diskussionen und so weiter. Das bringt eine regelmäßige, sehr intensive Kommunikation. So ein RADAR dauert meistens um die vier Stunden. Ein RADAR hat den Vorteil, wenn wir es schaffen, das alle vier Wochen zu machen, dass man nicht immer gleich auf Dinge anspringen muss, die nicht gut laufen. Wir haben alle eine Liste in unserem Handy, wo wir Sachen aufschreiben, die wir gerne im RADAR thematisieren wollen. Das gibt die Möglichkeit, schwierige Themen in einem Rahmen zu platzieren, wo man weiß, dass die andere Person einem gerade zuhört.


Also ihr macht das regelmäßig und habt feste Termine für diese Gespräche?


Genau. Jedes RADAR fängt damit an, dass man einen Termin für das nächste findet.


Wow. Das geht ja sehr in die Tiefe und führt einem vor Augen, dass so eine polyamore Entwicklung eine sehr bewusste Entscheidung und ein intensiver Prozess ist. Man erkennt, dass die konventionelle Form zu lieben einem nicht entspricht und man sich öffnen möchte. Daraus folgt dann eine sehr bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und mit dem*der Partner*in. Ich vermute mal, für dich gibt es keinen Weg zurück. Du könntest nicht wieder in eine monogame Beziehung…


No way!


… Welche Chancen und Zugewinne siehst du in dieser Liebesform? Was macht diese Art zu lieben für dich so wertvoll?


Ich bin der festen Überzeugung, dass Poly-Sein zum einen ein Lifestyle ist, aber auch mit sexueller Orientierung zu tun hat. Und auch aufgrund meiner Bi- oder Pansexualität mir das mit einer Person, auch egal welchen Geschlechts, nicht ausreicht. Ich möchte einfach auch noch andere Personen treffen können. Insofern hat es mit sexuellen Vorlieben zu tun. Aber es hat auch mit dem Bewusstsein zu tun, dass meine Partner*innen nicht all meine Bedürfnisse erfüllen muss. Dass ich nicht jemanden zwinge, irgendwas mit mir zu tun, auf das er*sie keinen Bock hat.


Ja, ich denke auch, das ist ein zentraler Aspekt, dass man versucht, nicht die eigenen Erwartungen auf das Gegenüber zu projizieren, sondern die Person in ihrer festen Form zu erkennen. Das ist meiner Meinung nach auch eine große Chance bei dem Konzept. Nun möchte ich unabhängig von der Polythematik einen ganz spezifischen Einblick in deine Beziehung zu John und Simon: Was macht deine Beziehung zu John besonders? Was die zu Simon?


Ich könnte da jetzt ganz viel sagen. John ist eine der liebsten Personen, die ich kenne. Wobei lieb ist da ein blödes Wort, ich denke, das englische kind trifft es besser. Er ist jemand, der extrem loyal ist und ich könnte mir mein Leben nach fünf Jahren gemeinsamer Beziehung auf jeden Fall nicht mehr ohne John vorstellen. John ist eine feste Konstante geworden, die sehr, sehr viel Halt bietet und wir haben eine Beziehung, die sehr tief geht. Das ist auch eine unglaublich enge Freundschaft, die wir miteinander pflegen. Aber ich glaube, das Hauptding ist das Gefühl, wirklich füreinander da zu sein und dass man sich umeinander kümmert, wenn es einem nicht gut geht. Auf Englisch würde man sagen: „He´s got my back.” Ich glaube, das sind einige der unglaublich vielen Faktoren, die die Beziehung zu John unglaublich besonders machen.

Bei Simon ist das auch so, aber wir kennen uns einfach auch noch nicht so lange wie ich John kenne. Simon und John sind grundverschieden. Simon ist viel quirliger, aktiver, unheimlich kulturbegeistert, was mich total freut, weil wir das teilen. Simon ist mehr so für Abenteuer da, während John eher so der Ruhepol ist. Mit Simon zieht man halt nachts durch die Stadt – wenn nicht Pandemie ist – und hat die Zeit seines Lebens. Aber er ist auch für mich da, ich möchte das gar nicht gegeneinander aufwiegen.


Fotografie: Saule Tertelyte


Wie gestaltet ihr euren Alltag? Welche Regeln habt ihr für euch definiert? Und lebt ihr eure Körperlichkeit auch voreinander?


Regeln ist so ein schwieriges Wort. Ich glaube, wir alle mögen keine Regeln, weshalb wir auch versuchen, das anders zu formulieren und von personal boundaries sprechen, also Dinge, die für einen gehen und Dinge, die für einen nicht gehen. Wir versuchen, wenn wir irgendwo gemeinsam hingehen, auf Geburtstage oder Partys, im Vorhinein abzusprechen, wer mit wem nach Hause geht, damit es da keine falschen Erwartungen gibt. Ansonsten gibt es nicht so viele Regeln. Der Alltag gestaltet sich so, dass wir uns einfach abends sehen. John vielleicht so drei bis vier Mal die Woche und Simon zwei bis drei Mal die Woche. Wobei es in der Pandemiezeit auch einfach noch bisschen besonders war, weil es halt nicht die Möglichkeit gab, noch viel Zeit mit Freund*innen zu verbringen.


Wie viel Raum bleibt dabei für dich?


Ja, das ist immer der kritische Punkt. Da bleibt nicht so viel Zeit. Nun habe ich aber auch meine Arbeitswoche reduziert, das macht es wesentlich leichter. Wir gestalten das aber auch flexibel. Jetzt habe ich auch noch jemand anderen kennengelernt und möchte diese Person auch ab und zu mal sehen. Ich habe das Gefühl, es gibt immer so Phasen, in denen man einen Alltag oder ein funktionierendes Modell entwickelt, bis dann irgendjemand jemanden kennenlernt oder sich eine Beziehung verändert und es vielleicht nicht mehr so intensiv ist. Dann muss man eben neue Wege finden. Es braucht auch Flexibilität im Kopf, um damit umgehen zu können. Aber ich habe auch immer gerne einen Plan für die nächsten ein, zwei Wochen. Momentan denken wir über geteilte Kalender nach, damit man sieht, ob jemand schon was vorhat, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Was kompliziert ist, ist in den Urlaub zu fahren. Man hat ja nicht so viel Urlaubszeit.


Könntest du dir vorstellen, zu dritt in den Urlaub zu fahren?


Nur mit den beiden, nein. Kommt auch immer darauf an, wie lange. Aber das wäre anstrengend in dem Sinne, dass man dann in der Mitte zerrieben wird. Nicht, weil die beiden an mir zerren würden, sondern eher, weil ich an mich selbst den Anspruch hätte, beiden gegenüber besonders aufmerksam zu sein. Das wäre mir too much.


Spürst du den Druck, jedem gerecht zu werden, auch im Alltag?


Ja, auf jeden Fall. Aber ich denke, dass das in monogamen Beziehungen nicht anders ist. Ich denke, das hat auch mit dem Individuum zu tun, was man für einen Leistungsdenken hat. Bei mir ist das eher ausgeprägt. Aber das wissen auch beide und das macht es einfacher. Dadurch können sie auch mal sagen: „Ey, guck mal, jetzt ist das und das und das diese Woche, ist vielleicht bisschen viel, es ist auch okay, wenn wir uns diese Woche nicht sehen…“


Alena, nun ist das Polyleben so poly, wie der Name impliziert, also sehr variantenreich. Wie stehst du denn zu offenen Beziehungen, in welchen Sex mit anderen legitim ist, Gefühle aber nicht?


Vielleicht gibt es Menschen, für die das funktioniert, ich gehöre nicht dazu. Eine Analogie dazu wäre: „Ich darf etwas Superleckeres essen und darauf herumkauen, aber runterschlucken darf ich es nicht.“ Ich weiß auch nicht, ob wir als Menschen so klare Grenzen ziehen können. Vielleicht gibt es Menschen, die das können. Ich möchte niemandem sagen: „Oh Gott, das funktioniert nicht!“ Das ist etwas, das ich schon viel zu oft gehört habe. Es gibt bestimmt Menschen, für die das Modell offene Beziehung funktioniert, und die ihren Alltag darin gefunden haben, aber es wäre nicht meins. Das hatte ich ja auch schon erwähnt, dass Regeln nicht so unser Ding sind, vor allem nicht mein Ding. Ich würde mich da komplett eingeschränkt fühlen. Ich wäre auch nicht in der Lage, das zu kontrollieren: Ich meine, wann ist es denn Liebe? Wo zieht man denn die Grenze?


Ich möchte noch einmal einen großen Sprung zurückmachen und erfahren, wie sich dein Liebesleben entwickelt hat. Wir leben in einem Umfeld, in dem Monogamie die gängige Praxis ist. Wie war das Umfeld, in dem du groß wurdest? Was waren deine Vorbild-Modelle?


Nichts was irgendwie gesund wäre, glaube ich – aus heutiger Sicht. Also mein Umfeld war relativ „kartoffelig“, deutsch, normal. Meine Eltern haben sich getrennt als ich drei war. Meine Mutter hat dann noch einmal geheiratet. Meinen Stiefvater kenne ich auch seitdem ich drei oder vier war. Ich habe auch Stiefgeschwister. Wir waren also eine Patchwork-Familie. Insofern waren wir, denke ich, für die Neunziger und frühen Zweitausender schon progressiv. Meine Mutter ist eine sehr coole, offene Person, die auch gut mit meinem Poly-Leben umgeht und das nicht bewertet. Sie kann das gut verstehen und es macht für sie Sinn.

Viele meiner Freunde*innen sind Scheidungskinder. Daher haben wir schon mitbekommen: „Bis dass der Tod uns scheidet“ – das ist etwas unrealistisch.


Fotografie: Saule Tertelyte


Hast du manchmal noch das Gefühl, auf innere Glaubenssätze zu stoßen, die aus der Erziehung rühren? Kommt manchmal auch noch dein Ego raus? Und wenn es da ist, wie arbeitest du damit?


Ja es kommt auf jeden Fall raus. Vor allem, wenn ich jemanden verletze und nicht verstehe, warum die jetzt verletzt sind und mir so denke: „Was ist jetzt eigentlich dein Problem?“ So typische Szenen. Es fällt mir auch nach wie vor manchmal schwer, mich für Dinge zu entschuldigen. Und dann gibt es natürlich auch so Momente, in den Freunde*innen aus dem Bekanntenkreis zusammenziehen und man sich fragt, ob man da nicht auch Lust darauf hätte. Dann erst fällt einem wieder ein, dass es alles komplizierter machen würde und dass man darauf keine Lust hat. So typisch mononormative Vorgänge: heiraten, Kinder kriegen… Wo ich dann sage: „Ne!“ Also heiraten würde ich vielleicht aus steuerlichen Gründen oder für ein Visum, das macht für mich Sinn. Aber ansonsten ist dieses Konstrukt Ehe nicht meins.

Auch wenn man das für sich entschieden hat und sich sicher ist, es gibt Momente, in denen man sich fragt: „Wäre das nicht doch schön?“ Dann denke ich darüber nach und sage: „Nein, eigentlich nicht.“


Wie ist dein aktuelles Umfeld? Leben die meisten in monogamen Beziehungen? Bist du im Austausch mit anderen Polys?


Es ist unterschiedlich. Es gibt Leute, die ihre Beziehungen gerne öffnen möchten, es gibt Menschen, die komplett monogam leben, es gibt welche, die auch poly leben oder in offenen Beziehungen. Ich glaube, es ist von allem was dabei. Wobei ich die Momente sehr schätze, wenn ich Menschen kennenlerne, die schon seit Langem poly leben und nicht in dieser Ausprobier- und Findungsphase sind. Dann kann man nochmal andere Gespräche führen. Ich merke auch, dass sich mein Dating-Verhalten verändert hat. Ich habe einfach kein besonders großes Interesse mehr daran Menschen, die noch nie in einem alternativen Beziehungskonzept gelebt haben, zu erklären, was es für Bücher gibt, was die verschiedenen Begriffe bedeuten und dies, das, jenes. Ich glaube, ich habe momentan nicht so das Bedürfnis, Leute groß an die Hand zu nehmen, sondern ich erwarte von den Leuten, die ich date, schon auch so eine gewisse Selbstreflexion, die sie diesbezüglich schon getan haben.


Unabhängig von Dates: Wie reagiert dein Umfeld auf deine, bzw. eure Art zu lieben? Hast du manchmal auch das Gefühl, dich rechtfertigen zu müssen?


Also in meinem direkten Freundeskreis überhaupt nicht, wirklich nicht. Vielleicht gab es ganz am Anfang noch eher skeptischere Stimmen, wobei inzwischen viele, eigentlich die meisten in meinem Freundeskreis, alternative Beziehungskonzepte leben oder darüber nachdenken, ihre Beziehung zu öffnen. Wobei ich glaube, dass John und ich da auch so eine kleine Vorreiter*innen-Rolle hatten. Es gab aber auf jeden Fall auch Situationen, zum Beispiel mit einem Kommilitonen, bei dem ich mich geoutet habe, dass ich mehr als eine Liebesbeziehung führe, der dann, ja sagen wir doch mal sehr ablehnend reagiert hat und der festen Überzeugung war, dass das nicht funktionieren kann. Dann möchte ich eigentlich aber sehr schnell nicht mehr so viel mit den Menschen zu tun haben, weil ich keine Lust habe, mich für mein Leben, meinen Lifestyle, meine sexuelle Orientierung oder irgendetwas, das damit zu tun hat, zu rechtfertigen. Dafür gibt es genug Menschen, die mich so lieben, wie ich bin, dass das Gott sei Dank nicht nötig ist. Darüber bin ich sehr dankbar. Aber vor etwa zwei Jahren hat sich das durchgesetzt, dass ich aufgehört habe, Menschen beweisen zu wollen, dass sie nicht Recht haben.


Denkst du, es gibt geschlechtsspezifische Unterschiede, wie das Umfeld auf solche Beziehungsmodelle reagiert?


Auf jeden Fall. Ich glaube, es kommt halt auch wieder auf das Umfeld an, aber wenn wir das jetzt mal ganz klischeehaft beleuchten, ist es natürlich so, dass Cis-Männer, die mit mehreren Frauen parallel Sex haben, als die krassesten Macker ever angesehen werden, wohingegen Frauen, die mit mehreren Personen Sex haben, als die krassesten Schlampen.


Das heißt Männer erfahren eher eine Aufwertung und Frauen eher eine Abwertung?


Genau, also so, wie es halt in allem anderen auch ist – so läuft das da halt ebenfalls. Und dazu gehört natürlich auch noch, dass selbstbestimmte Sexualität bei Frauen vielen Männern Angst macht und sie damit nicht richtig umgehen können und nicht wissen, wie sie jetzt darauf reagieren sollen. Insofern macht das glaube ich einen enormen Unterschied. Und es ist halt manchmal krass, also man macht auch gewisse Gewalterfahrungen im Sinne von Slutshaming. Die absurdesten Dinge, die sich die Menschen einfallen lassen. Aber ich habe das Gefühl, dass mein Filter mit der Zeit auf jeden Fall radikaler geworden ist – und das hat natürlich mit Selbstschutz zu tun. Also wie viel Energie bin ich gewillt aufzubringen, um mich gegenüber irgendwelchen Menschen, die mir nicht viel bedeuten, zu rechtfertigen.


Also den Filter setzt du sehr bewusst und du würdest auch nicht mit jedem über deine Beziehungen und dein Liebesleben sprechen? Wie verhält sich das in deinem erweiterten Umfeld wie Familie und Beruf?


Also vor meiner kompletten Familie und vor meinem kompletten privaten Umfeld bin ich geoutet. Beruflich sieht das anders aus, weil ich erst seit einem knappen Jahr in dem Job bin und das ein sehr traditionelles Corporate-Unternehmen ist, in dem auch keine Frauen in Führungspositionen sind, was meiner Meinung nach auch schon alles sagt, was man über dieses Unternehmen wissen muss. Dementsprechend fühle ich mich da nicht sicher, mich zu outen – da es natürlich auch karrieretechnisch Konsequenzen haben kann. Ich glaube halt auch, dass hier die Konsequenzen für Frauen größer sind als für Männer, weshalb ich überhaupt gar kein Bedürfnis habe, mich auf meiner Arbeit zu outen, was Poly angeht, aber auch als nichtheterosexuell. Da bin ich ebenfalls nicht geoutet, weil ich gar keinen Bock habe, mir diese Scheiße anzuhören, so: „Ach, ich habe auch eine lesbische Freundin!“ Oder dumme Dinge, die man hört, die ich nicht hören will, denen ich klar aus dem Weg gehe, ich aber gleichzeitig natürlich auch ein heteronormativ-privilegiertes Leben auf Arbeit führe. Das macht natürlich einen Unterschied.


Du gehst also sehr pragmatisch damit um und sagst: „In diesem Bereich muss ich es nicht teilen, in diesem Bereich möchte ich es nicht teilen.“ Aber belastet es dich dennoch, dass du damit nicht frei umgehen kannst, da man gesellschaftlich doch noch nicht auf die absolute Toleranz stößt?


Auf der Arbeit belastet mich das nicht. Aber das liegt natürlich auch einfach daran, dass mir meine Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen nicht so nah sind. Da kann ich mich gut distanzieren und es ist mir auch nicht so wichtig. Wenn wir aber an den gesamtgesellschaftlichen Kontext denken, dann belastet mich das auf jeden Fall, weil das halt auch bedeutet: „Was ist denn zum Beispiel mit heiraten? Oder was ist denn, wenn einer von uns einen Unfall hat und niemand zu ihm ins Krankenhaus kommen darf, oder nur ein*e Partner*in? Was ist, wenn wir uns doch irgendwann dazu entscheiden Kinder zu haben, wie soll das mit dem Sorgerecht laufen? Sind dann alle in dem Polykül irgendwie Elternteile, oder eigentlich nur zwei? Was bedeutet das für Menschen mit Kindern, wo der*die Partner*in das Kind vom Kindergarten abholen möchte, aber dann halt nicht darf?“ Es gibt halt so viele rechtliche Konsequenzen, die da dranhängen, über die niemand nachdenkt. Auch zu Corona-Zeiten: Die Definition von Familie, ich hätte kotzen können! Also natürlich sind meine Partner*innen Teil meiner Familie, aber diese Familie sieht halt anders aus. Was auch wieder der Brückenschlag zu queeren Lebensmodellen ist. Da stellt sich genauso die Frage: „Was heißt denn Familie?“ Das ist auf jeden Fall nicht, was die CDU als Kernfamilie bezeichnet. Über solche Sachen könnte ich mich halt auskotzen, weil es gar keinen Sinn macht.


Was denkst du: Wie weit ist unsere gesellschaftliche Entwicklung, was die Öffnung der Liebe angeht? Man sieht ja, es gibt mittlerweile Podcasts darüber, zunehmend Literatur zum Thema, aber dennoch stoßen diese Konzepte auf Skepsis und rechtliche Barrieren. Könnte der gesellschaftliche Wandel vielleicht irgendwann einmal dazu führen, dass alternative Liebeskonzepte größere Akzeptanz und Praxis erfahren? Könnten sie eventuell sogar einmal die Monogamie ablösen?


Ich glaube nicht, dass das die Monogamie ablösen wird. Muss es ja auch gar nicht. Also mein Anspruch ist ja, dass ich so leben kann wie ich möchte und das soll natürlich für alle anderen auch gelten. Und ich kenne auch sehr glückliche Menschen in monogamen Beziehungen. Insofern möchte ich auch gar nicht, dass Poly Mono ablöst und dieses Schwarz-Weiß-Denken sich festigt. Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft offener wird, was alternative Lebenskonzepte und Beziehungskonzepte angeht, aber es gibt da natürlich herbe Rückschläge. Corona war ein super Beispiel: die Definition von Familie. Das war einfach ultrascheiße. Oder auch Gesetze, die in der Europäischen Union verabschiedet werden, da graust es mich. Regierungen wie in Polen oder aber auch Trump in den USA etc. Das macht Angst. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft sich da mehr öffnet, aber ich glaube, dass es wahrscheinlich immer so einen diskriminierenden Faktor geben wird, der da mit hineinspielt. Genauso, wenn man zur LGBTQAI-Community gehört, gibt es das halt auch noch. Und es gibt nach wie vor Länder auf dieser Welt, wo ein Ehebruch mit der Todesstrafe oder Steinigung gehandhabt wird. Ich meine, wir sind in unserer Denkweise auch immer sehr eurozentristisch unterwegs, wenn wir davon reden, wie weit wir denn schon sind etc. Und Menschen, die in anderen Ländern leben, sind mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert, was eine Öffnung von Beziehungen angeht. Ja, ich wünsche mir das sehr.


Was denkst du, was sich in den Köpfen der Menschen oder in der Gesellschaft ändern müsste, dass man zu diesem wünschenswerten Zustand kommt, dass Liebe als unerschöpfliche und unendliche Quelle angesehen wird?


Puh. Also ich glaube, von dem Partner oder der Partnerin zu verlangen, dass er oder sie oder diese Person alle Bedürfnisse, die man hat, erfüllen kann, ist problematisch – aber auch in einer monogamen Beziehung. Aber das ist glaube ich eine Sache, die sich ändern muss, weil das einer der Kernfaktoren von romantischer Liebe ist, wie sie auch medial dargestellt wird. Wenn ich diese eine Person treffe, dann weiß ich einfach sofort, dass sie das ist. Liebe auf den ersten Blick und was weiß ich halt für ein Quatsch sich Hollywood hat einfallen lassen… Das muss sich auf jeden Fall ändern. Und ich glaube, was sich auch ändern müsste ist, dass die Menschen immer von sich selbst auf andere projizieren. Also dieses: „Für mich funktioniert das ja nicht, wie kann denn dann das für dich funktionieren?“ Dass wir halt überhaupt gar nicht akzeptieren können, dass wir Individuen sind mit unterschiedlichen Vorlieben und Bedürfnissen. Ich glaube, das ist ein Kernfaktor für Toleranz allgemein, dass wir in der Lage sind, mit dieser Ambiguität umgehen zu können. Ich glaube auch, die Vorstellung von Sex müsste sich ändern: Also dieses ganze Schlüssel-Schloss-Prinzip-Gelaber ist halt auch nicht hilfreich. Und man sollte begreifen, dass Sex, Sexualität, sexuelle Begegnung auf verschiedene Arten und Weisen stattfinden kann, die auch unterschiedliche Qualitäten haben. Unserer Gesellschaft würde es guttun, ein bisschen offener zu sein für alles, was von dieser Heteronorm, bzw. dieser monogamen Norm abweicht und auch über diese ganzen Normierungen nachzudenken. Das ist ja auch schon ein Problem an sich, dass das das Normale ist, das Default Setting. Alle anderen sind halt „abnormal“, was ja auch so eine Entmenschlichung bedeutet. Aber natürlich auch feministische Elemente, zum Beispiel Slutshaming: Frauen, die selbstbestimmt sind und ihre Sexualität selbstbestimmt ausleben, sind keine schlechteren Menschen! Es könnte sich viel ändern und vielleicht braucht es so von allem etwas.


Das war ein sehr inspirierendes und tiefes Gespräch, ganz herzlichen Dank!



John, 36

John, du bist seit fünf Jahren in einer Beziehung mit Alena. Als du sie kennengelernt hast, lebtest du bereits in einer polyamoren Beziehung mit einer anderen Frau. Wie kamst du zum polyamoren Lieben?


My previous relationship was long-distance, and it sort of evolved naturally out of that. We started seeing each other casually, and then it got slightly more serious. Then I vividly remember the conversation my previous partner and I had – where she said: "You know, we don't live in the same city, so I really don't care if you're like, fucking other people. It doesn't bother me." I honestly felt the same way, and was really excited to have started something like that. In the beginning, it was much more of what I would classify as an open relationship than polyamory.


Wie hat sich das dann entwickelt? Wann und wodurch habt ihr beschlossen, euch auch für emotionale Beziehungen zu anderen zu öffnen?


It was quite a long, gradual process with not an insignificant amount of pain and heartache. In the beginning, though I was always open and honest with other people about having another serious relationship, I thought it was entirely possible to simply lock a part of me away and say: "this won't become a relationship."

It happened the first time accidentally, and I didn't realize I was falling in love with this person until after she had already broken up with me, because I wasn't ready to deal with the consequences. Nathalie, the partner I was with when I met Alena, and I talked about it in person when we finally saw each other again after a few months of being apart. We didn't come to an explicit agreement or change, but just agreed that we wanted to learn more and read more. I started reading books and blogs and figured out that falling in love with someone else was pretty natural.

That first time was scary though. Really scary. I was worried I would lose my relationship with Nathalie because of my feelings for Anna, but was heartbroken when Anna ended the relationship because I didn't know what to do. It was a learning experience, but I wish I had done more research beforehand.


Du hast dich dann also mit der Theorie der Polyamorie beschäftigt. War das ein gemeinsamer Prozess mit Nathalie? Und wie habt ihr den Übergang zur Praxis des offenen Liebens gestaltet?


It was somewhat together, somewhat apart. We would send each other links or articles. Book recommendations, that sort of thing. Just realizing that we could actually have multiple, serious, loving relationships at the same time, not just be sexually open was a pretty big revelation for me personally. We kept communication open, talked about our feelings, talked about other partners, etc.


Hatte sie derzeit denn auch Gefühle für andere Personen oder weitere Beziehungen? Und wie hat es sich mit dir und Anna weiterentwickelt? Hattet ihr noch eine Perspektive?


At that time, Nathalie was dating someone but I don't think it quite escalated to falling in love, but there were definitely feelings from what I can remember. This is all quite some time ago now, though my memory is a little fuzzy. 2012 maybe? Anna and I didn't get back together after we broke up, but we stayed friends until she moved. We talked about things a few years after we broke up. I had learned more, and it was nice to get to apologize.


Das liegt nun alles, wie du sagst, schon lange zurück und waren die Anfänge deines polyamoren Lebens. Wie sieht es denn heute bei dir aus?


So now I'm dating Alena, very seriously now for 5-ish years, and have been seeing another partner, Louisa, for over a year. Nathalie and I ended our relationship at the end of 2018 for many reasons, a large one being she wanted to move back to the US and I had no desire to do this.

I have a lot more knowledge these days, and more "tools on my toolbelt" to help me navigate feelings and discussions, but I learn new things all the time.


Was für Tools sind das denn, die man im polyamoren Werkzeuggürtel benötigt? Was sind für dich die zentralen Gelingensfaktoren dieses Liebesmodells? Und welches sind die Baustellen, also die Schwierigkeiten, auf die man stößt?


So, one of the absolute best tools, in my opinion, is called RADAR. I honestly can't remember what the acronym stands for, but it's basically a repeating meeting where you sit down with your partner and agree on topics, then discuss those topics, take action items out of them, and schedule the next meeting. It sounds dry, but it helps SO much, and I think everyone in any type of relationship format, monogamous, poly, whatever, should try this out.

I think what makes this type of relationship successful is honestly the same as other relationship formats. Love, care, honesty, listening and being heard. What comes up in poly more often is flexibility though. Sometimes you need to be slightly more flexible than you would if you didn't share your partner.

Obviously, jealousy is the thing that everyone is going to wonder about, and of course that happens. I think the absolute biggest thing is having the tools to recognize in yourself when you are feeling jealous so you can discuss it instead of acting out on those feelings in a destructive way. It's much more productive to take 20 minutes, introspect, really think about why you're feeling upset, then come to your partner with: "Hey I'm feeling really jealous about XYZ. Can you give me some reassurance?"

If you don't have the ability to do that, the jealousy can manifest in really shitty ways, even unconsciously.


Das hört sich nach einem sehr intensiven, aber lohnenden Prozess an, der die eigene Entwicklung und die der gemeinsamen Beziehung fordert und fördert. Es ist also so, wie alle sagen: Beziehung ist Arbeit. Und was sind die Früchte dieser polyamoren Arbeit? Sprich: Worin liegen die Chancen, seine Liebe offen zu gestalten? Was bereichert dich dabei?


It's really comforting to know that the people who I am dating are dating me because they actively want to be dating me. They have the freedom to date whomever they choose without having a breakup, and yet we continue to see each other week after week. That feels really good.

Knowing that if I meet someone really cool who I really enjoy spending time with, I won't have to hide that attraction or that love like I would in a monogamous relationship is also very comforting. Being in a monogamous relationship does not stop you from developing feelings for someone outside the relationship, it simply punishes you for acting upon those feelings.


Das sind zwei überzeugende Punkte, die du da nennst. Ich möchte noch einmal ganz konkret auf dich und deine aktuellen Beziehungen zu sprechen kommen. Wie war das, als Alena in dein Leben kam? Was hat das für dich in Bezug auf dich selbst, deine damalige Beziehung und dein Liebesleben allgemein verändert?


Ha, well we met at Berghain. We had previously matched on Tinder, but didn't chat (technically, she didn't respond to my super cute GIF of a baby seal waving and saying: "Sup"). We ended up meeting up together there the next weekend, so the club has a special place in my heart. She asked me to come home with her, I said I had to check in with my partner and let her know, she thought I was gay/bi because I said "Partner" and not "Partnerin".

We dated pretty casually at first, and then things got more and more serious. I came into the relationship with her thinking I already knew about polyamory because I had been doing it for so long, but I was absolutely humbled by what I didn't know, and what I still had to learn. It was not easy at times, trying to navigate the privilege my partner Nathalie had by default, and for me to acknowledge the things Alena had to fight to get.

You got to talk to her, she's pretty fucking awesome! She has absolutely enhanced my life. She helps me to be the best version of myself and I love her a ton. We make a great team, and I am so glad I ran into her in the Berghain bathroom.


Ihr habt euch also in eurer gemeinsamen Zeit viel weiterentwickelt. Schön zu hören, was für eine Bereicherung sie für dein Leben darstellt. Für sie war das damals alles neu mit der Polyamorie und es war sicherlich nicht einfach, ihre Person mitsamt ihrer Bedürfnisse in dein Leben und auch in deine Beziehung mit Nathalie zu integrieren. Worin lagen zu Beginn eure Herausforderungen? Wie hat sich das auf deine Beziehung zu Nathalie, mit der du gemeinsam in einer Wohnung lebtest, ausgewirkt? Und wie seid ihr damit umgegangen?


In the beginning, it honestly was not that hard, at least on my side, and I don't think for Nathalie either. Probably blissful ignorance. I think a mindset-change to try to understand how Alena felt was the most difficult thing. I had always been the one on MY side of the relationship (the one with an established partner), never on her side, so I think trying to understand how different and sometimes hard it can be to enter into a serious relationship with someone who has had another partner for so long was definitely the hardest.

Nathalie and Alena didn't always see eye-to-eye, and that was definitely difficult for me. They're both very strong people, with very strong personalities, and that led to the occasional clash. I sometimes lost what I wanted and needed in the struggle to help both my partners get their wants and needs met.


Du befandest dich also auch emotional zwischen den Stühlen. Inwieweit ist es in einem solchen Gefüge erforderlich, sich einerseits als verbindender Teil mit beiden Seiten zu befassen, sich andererseits aber auch mal rauszunehmen? Man kann ja schließlich nie allen gerecht werden. Wie erträgt man so ein Spannungsfeld, wenn eben nicht alles harmonisch läuft zwischen den Beteiligten?


Remembering to take time for yourself is really key, in my opinion. A solo trip, a walk, a night alone playing video games, etc. Remembering that, while you can help others, you can't fix everything and it's not your job to fix everything. Be kind, especially to yourself.

I think its honestly pretty similar in a monogamous relationship where things aren't always going smoothly, but in poly relationships obviously there are more people involved.


Zeit ist sicherlich ein Faktor? Man muss nicht nur Zeit für mehrere Personen finden, sondern wie du sagst eben auch noch für sich selbst. Wie gestaltet sich euer gemeinsamer Alltag?


Yes, time is absolutely a factor. There's a saying: "Love is infinite, time is limited." I've found I don't really have time for more than two serious partners at the same time alongside a full-time job.

Honestly, we're STILL trying to figure out the best way to manage time. We're gonna try a shared online calendar I think? But for now it's simply: "Hey when are you free, let's hang out on this day or this day?"

Setting expectations is key.


Nun unternehmt ihr ja auch gelegentlich etwas zu dritt – zumindest Alena, Simon und du. Wie ist das für dich? Was macht es mit dir, die Verbundenheit der beiden zu spüren? Auch deren körperliche Nähe zu erleben? Und wie gut kennen sich Alena und deine weitere Partnerin Louisa?


It's usually pretty chill to hang out with me, Simon and Alena. Of course, it felt a little weird and awkward in the very beginning, but now it's easy. I can tell how much he likes her and cares about her, and that's obviously what I want for someone I also love. Displays of affection between the two of them are really a non-issue for me.

I don't want all the time I spend with Alena to be together with Simon, alone time is important too, but that hasn't been a problem.

Louisa and Alena know each other, we've spent some time together, but Alena hasn't felt ready to dive into that fully at this time.


Und Louisa? Wie geht sie damit um? Kommt sie selbst aus polyamoren Strukturen?


I don't want to speak for her, but I think she's doing okay with things so far. We also have RADAR check-ins, and I think the communication is open and flows well.

Yes, she also has poly experience.


Fotografie: Saule Tertelyte


Du hast uns ja von den Ursprüngen deines polyamoren Lebens erzählt. Sicherlich kommst du auch, wie die meisten von uns, aus einem Umfeld, das andere Beziehungs- und Liebesmodelle gelebt und vorgelebt hat. Wie ging und geht dein Umfeld mit deiner Entwicklung und Lebensweise um? Kommunizierst du dein Liebesleben offen?


So, I first "came out" to my sisters before I even moved to Berlin in 2015. They're great and supportive. My parents are too, but I didn't feel comfortable talking to them about it until 2017 I think it was.

I am super open about it to everyone I meet, outside of a work-context. In Berlin it's honestly not that uncommon, and most people simply don't care (or they react with curiosity). I choose not to discuss it at work.


Stößt du dennoch gelegentlich auf Vorurteile und hast das Gefühl, deine Art zu lieben rechtfertigen zu müssen? Denkst du, das gilt für beide Geschlechter gleich?


People do judge, but unless it's someone I know and care about doing the judging, I simply have ceased to care what they think. Cliché, I know, but after 10+ years of doing this shit, people are going to judge and if I let it bother me or tried to justify it to someone every time I ran into it...

I can't speak outside of my own experience, but would guess that women have it harder in some ways, and easier in others. It's certainly easier to find a date as a woman, but I'm sure the judgement is harsher. Alena has had some things said to her that I'm sure wouldn't be said to a man.


Trotz der eben beschriebenen Skepsis und teilweisen Abwehrhaltung: Man beobachtet in jüngster Zeit mehr Offenheit in der Gesellschaft für alternative Beziehungsmodelle.

Es gibt mehr und mehr Wortmeldungen in den Medien, Literatur zum Thema und Podcasts. Was ist dein Gefühl: Werden alternative Beziehungsformen in Zukunft eine größere Akzeptanz und Praxis erfahren? Könnten diese Konzepte längerfristig die Monogamie ablösen?


I think alternative relationship models are gaining acceptance, and I truly hope that legal protection will follow. I do see a bright future ahead for this.

I don't think monogamy is going to disappear. I think some people really want monogamy, and that's okay. Everyone should get to choose the relationship model that works best for them and not feel forced into anything.

I don't think polyamory is somehow better than monogamy, it's just different. Lots of people are in extremely happy, healthy monogamous relationships. I wish them the best.


Natürlich sollte man für einen Pluralismus der Liebe eintreten, der eben zum Ziel hat, dass jede und jeder so lieben und leben kann, wie es ihm oder ihr entspricht, solange es nicht mit der Freiheit anderer kollidiert. Doch für diese Freiheit und Toleranz muss sich sowohl in gesellschaftlichen Strukturen, als auch im Denken Einzelner noch viel ändern. Was wären deiner Ansicht nach Hürden, die es noch zu überwinden gilt, damit Liebe frei gelebt werden kann?


In all honesty, I think we have it pretty good here in Berlin. The majority of people I meet are tolerant and accepting.

I still think the more conservative workplaces here in Germany need to be convinced that this is authentic via legal protections. I would love to see the ability for consenting adults to legally marry more than one person. They don't even have to call it marriage. In fact, I'd prefer if they didn't call it marriage - but just a way for people to legally bind themselves together and gain the societal benefits that come from that.


Vielen herzlichen Dank für deine Zeit, Offenheit und deine wertvollen Einsichten und Gedanken zum Thema, John.


You're very welcome!



Simon, 36

Simon, du bist in einer Beziehung mit Alena. Du und John seid befreundet. Erzähl uns ein bisschen davon, wie das alles zustande kam und wie es sich seither entwickelt hat.


Klar. Naja, das ist richtig und falsch. Ich fühle mich John verbunden und wir kennen uns und verstehen uns. Das ist auch eine Art Freundschaft. Aber darunter stellt man sich glaube ich etwas anders vor. Aber der Reihe nach.

Ich habe Alena über einen Freund kennen gelernt. Irgendwie war schon klar, dass wir uns hot finden, aber sagen wir mal so: Wir haben da einen längeren Spannungsbogen aufgebaut. Ich wusste ziemlich schnell, dass sie in einer Polybeziehung lebt. Und das war erstmal spannend und war nichts Unbekanntes für mich. Ich hatte schon knapp zehn Jahre vorher in einer Polybeziehung gelebt, auch wenn wir nicht wussten, dass man das so nennt. Das war auch nicht so reflektiert, wir kannten nicht nur das Wort nicht, wir kannten das ganze Konzept nicht. Meine erste Freundin in Berlin war plötzlich in eine Frau in Dresden verliebt. Und es war wunderbar, sie so verliebt zu sehen. Und klar: Ich bin auch in einer sexistischen, männlich dominierten Gesellschaft aufgewachsen. Es war für mich sicher einfacher, dass sich meine Freundin in eine Frau verliebt hatte und dass sie nicht in derselben Stadt wohnte. Irgendwann wurde mir ihre neue Freundin dann im Berghain vorgestellt und wir hatten eine gute Zeit. Ich bin da also so langsam reingewachsen. Und hab festgestellt, dass das funktionieren kann und dass ich das gut finde.

Zurück zu Alena und John. Ich hatte also eigene Erfahrungen mit Polybeziehungen. Alena und ich haben dann ab und zu was Gemeinsames unternommen. Irgendwann kam auch John mit. Also nicht zu dritt, wir waren ein paar Leute. Ich fand beide nett, John war cool. Ein paar Wochen später haben Alena und ich uns dann gedatet.


Nun datet ihr euch schon seit fast zwei Jahren. Wie ist das heute? Hast du neben Alena weitere Beziehungen?


Ich habe die letzten eineinhalb Jahre Solo-Poly gelebt. Ich hatte also in der Zeit keine andere Beziehung. Ich hatte hier und da Dates und habe geknutscht aber nichts, was ich weiterverfolgt hätte. Das war nicht so geplant. Aber plant man sowas? Ich nicht.

Meine Vorstellung war aber schon eine andere. Ich hatte jedoch nicht das Gefühl, dass ich mir jemanden suchen muss, damit ich auch zwei Partnerinnen habe. Aber es ist auf jeden Fall etwas, das immer wieder thematisiert wird – von mir, aber auch von Alena. Ich habe einfach mehr Ressourcen, etwas in die Beziehung zu bringen, egal ob Zeit oder Aufmerksamkeit.


Hast du manchmal das Gefühl, deinen Raum in dem Gefüge einfordern zu müssen? Wie gestaltet ihr euren Alltag?


Klar, ist das nicht normal? Ich kenne das auch aus monogamen Beziehungen. Wenn die erste Euphorie dem Alltag weicht... Ich bin jemand, der große Freude daran hat, viel in eine Beziehung reinzugeben und ich bin auch schon eine kleine Prinzessin. Ich will gesehen werden.

Der Alltag fühlt sich für mich nicht sehr besonders an. Klar müssen wir Absprachen treffen. Manchmal ist es schwer, die Woche zu planen. Wir haben alle drei einen Job, die Urlaubsplanungen können schon kompliziert sein. Man muss sich halt abstimmen. Aber auch das kenne ich aus anderen Beziehungen. Ich kann da nichts Besonderes finden. Außer vielleicht, dass jede:r von uns bei der*dem andere*n seine eigene Bettwäsche hat. Das ist cool. Und wäre sicher anders, wenn wir zu dritt zusammen wären. Aber ich bin ja nicht mit John zusammen.


Gelegentlich unternehmt ihr aber auch mal etwas zu dritt. Wie ist das für dich? Was macht es mit dir, Zärtlichkeit zwischen den beiden anderen zu erleben?


Im Corona-Super-Lockdown-Winter haben wir immer wieder Zeit zu dritt verbracht. Mir macht das nichts, wenn sie knutschen oder so. Das hat glaube ich viel mit Selbstvertrauen zu tun und damit, sich sicher zu sein, dass man dadurch nichts verliert. Und es ist ja jetzt nicht so, dass Alena und John dann anfangen, eine Stunde zu knutschen und ich sitze daneben und langweile mich.


Wie war das Verständnis von Liebe in dem Umfeld, in dem du groß wurdest? Welche waren die Vorbilder, an denen du dich orientiert hast?


Als ich zwischen zwölf und vierzehn war kamen Titanic und Romeo und Julia raus. Ich nehme an, das war mein Bild von romantischer Liebe.

Die Ehe meiner Eltern war von großem Respekt geprägt. Aber mit romantischer Liebe habe ich das nicht zusammengebracht. Meine Eltern verstehen sich noch heute sehr gut, leben aber getrennt. Ich habe mit sechzehn begriffen, dass die Ehe meiner Eltern nach außen perfekt erschien aber nach innen lief ein ganz anderer Film: mit Betrug, Fremdgehen und so mehr der Groschenroman-Style. Da habe ich beschlossen, nie in meinem Leben zu heiraten und niemals eine Beziehung so zu führen wie meine Eltern.

In meinen frühen Zwanzigern habe ich dann von Beziehungen gelesen, die offen waren. Mehr so in der Literatur und Kunst. Wie bei Frida Kahlo und Diego Rivera. Ich glaube nicht, dass das gute Vorbilder sind, aber das hat mich sicher mitgeprägt.


Du bist also so langsam in die Polyamorie hineingewachsen. Die Begegnung mit Alena war aber eine entscheidende Wegmarke. Welche Vorteile sieht du in eurer Art, Liebe zu leben? Was sind und waren die Herausforderungen für dich?


Ob Alena eine entscheidende Wegmarke war, wieder polygam zu leben, kann ich nicht sagen. Aber die Art, wie wir unsere Beziehung reflektieren, war auf jeden Fall neu für mich und ich habe da viel von ihr gelernt. Bei meiner ersten Polybeziehung hatten wir nicht mal ein Wort dafür, mit Alena mache ich regelmäßig RADAR-Gespräche, also wir reflektieren anhand festgelegter Fragen unterschiedliche Bereiche unserer Beziehung, aber auch unseres (gemeinsamen) Lebens. Das ist richtig gut! Und kann ich nur jedem empfehlen, egal in welchem Beziehungsmodell man lebt.

Ich glaube nicht, dass es generelle Vorteile hat. Aber ganz persönlich für mich kann ich das natürlich beantworten. Und es ist nicht in erster Linie, dass ich rumknutschen kann wie ich will und mehrere Menschen lieben. Klar! Darum geht es auch. Aber ich finde, man entwickelt eine reifere Beziehung miteinander, wenn man immer wieder vor Augen geführt bekommt, dass der*die andere ein eigenes Leben hat und dass man nicht für das Glück oder das Pech des*der anderen verantwortlich ist. Wir teilen unsere Leben, ohne einen Teil von uns aufgeben zu müssen. Ja, ich glaube, das ist mir das Wichtigste daran.


Hast du gelegentlich das Gefühl, auf innere Glaubenssätze zu stoßen? Kommt manchmal dein Ego raus? Wenn es da ist, wie arbeitest du mit dem Gefühl?


Glaubensätze? Naja, ich habe schon ein relativ klares Weltbild. Und mein Ego? Klar. Mein Ego ist wirklich groß, auch wenn ich es nicht allzu ernst nehme. Und ich glaube, Letzteres ist der entscheidende Punkt. Und wenn man die Frage Richtung Eifersucht dreht, dann muss ich sagen – natürlich bin ich ab und zu eifersüchtig. Nicht nur auf John. Aber darüber sprechen hilft immer. Über Gefühle sprechen hilft immer. Und all diese Gefühle kenne ich auch aus monogamen Beziehungen.


Kommunikation ist also ein wesentlicher Faktor für das Gelingen einer polyamoren Beziehung? Was hältst du noch für wichtig?


Ja, Kommunikation kommt in vielen Beziehungen zu kurz. Niemand kann Gedanken lesen. Bedürfnisse und Grenzen müssen besprochen werden. Darüber hinaus? Man darf halt nicht glauben, man sei der Mittelpunkt der Welt. Dann ist´s gar nicht so schwer, glaube ich.


Wie offen gehst du mit deinem Liebesleben um? Stößt du gelegentlich auf Vorurteile und hast das Gefühl, eure Art zu lieben rechtfertigen zu müssen? Denkst du, das gilt für beide Geschlechter gleich?


Ich kann damit sehr offen umgehen. Das hat auch berufliche Gründe: Ich bin weder Politiker, noch arbeite ich in einem Unternehmen, in dem das problematisch werden könnte. Diese Offenheit entspricht auch eher meinem Charakter. Was das Wort „Contenance" bedeutet, weiß ich glaube ich bis heute nicht. Ehrlich gesagt provoziere ich auch gerne mal mit meiner Offenheit. Trotzdem breite ich nicht vor jedem meine Gefühle aus und würde das auch gar nicht wollen.

Ja, ich habe schon das Gefühl, dass Frauen und Männer da unterschiedliche Erfahrungen machen. Ich bin halt eher der „coole Stecher" und Frauen die „Schlampe". Das ist halt der klassische Sexismus, der einem überall begegnen kann. Selbst im Freundeskreis.


Trotz zunehmender Akzeptanz stoßen alternative Liebesmodelle noch häufig auf Ablehnung, ganz zu schweigen von den rechtlichen Barrieren. Siehst du in der Zukunft eine Chance für die Polyamorie, sich als gleichwertiges Konzept neben konventionellen Liebesformen zu etablieren? Welche gesellschaftlichen Veränderungen würdest du dir wünschen?


Ja, ich glaube schon, dass es da eine kleine Bewegung gibt hin zu anderen Modellen. Die Tatsache, dass wir hier darüber sprechen, ist da ja schon ein Beleg dafür. Gleichzeitig haben wir noch einen sehr weiten Weg vor uns. Nicht nur die auf das klassische Familienbild abzielenden Corona-Maßnahmen haben das wieder gezeigt. Ich wäre ja schon froh, wenn wir mal endlich das Ehegattensplitting überwinden würden und da geht's noch nicht mal um andere Beziehungsmodelle…


Vielen lieben Dank für deine Zeit, deine Gedanken und die wertvollen Einsichten in dein Liebesleben.



Fotografie: Saule Tertelyte



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