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VERZEIHEN: eine stärkende Stärke

Aktualisiert: 29. Jan. 2023


von Nora Brandt


Wie ich gelernt habe, dass Verzeihen ein Teil der Heilung und unerlässlicher Bestandteil von Verbindungen ist.


(Bildquelle Wix)


„Als ich aus der Zelle durch die Tür in Richtung Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben.“

Nelson Mandela


Verletzungen lassen sich nicht vermeiden

Ich binunter sehr belastenden familiären Bedingungen aufgewachsen. Ich möchte mit meiner Interpretation der Umstände meine Angehörigen nicht öffentlich anklagen, doch verkürzt lässt sich sagen: Mein Vater war abwesend, mein Stiefvater cholerisch, die Beziehung zu meiner Mutter toxisch. Es gab viel Streit und zahlreiche Verletzungen. Ich musste die Starke sein, habe gelernt und verinnerlicht, dass ich nur geliebt werde, wenn ich alles richtig mache, perfekt bin, mich unterordne, funktioniere. Meine Gefühle und Bedürfnisse hatten keinen Raum und ich habe mir antrainiert, sie zurückzuhalten. Die Liebe, die ich mir gewünscht und die ich gebraucht hätte, habe ich nicht bekommen und es hat sehr lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, dass Liebe auch selbstlos, bedingunslos und auf mich als Person bezogen sein kann. Bis heute arbeite ich daran, meine Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen, sie anzunehmen und ernst zu nehmen. Ich muss noch einiges über die Liebe, wie ich sie leben möchte, lernen. Ganz besonders, Liebe auch annehmen zu können. Das waren steinige Startbedingungen, doch profitiere ich auch davon.


Von der Not zur Tugend: raus aus der Opferrolle und in die Aktivität

„Erfahrung ist nicht das, was einem zustößt. Erfahrung ist das, was man aus dem macht, was einem zustößt.“ Aldous Huxley

Alle haben ihre Geschichte und Startbedingungen. Diese determinieren den eigenen Weg, werden zu Bestandteilen der Persönlichkeit. Und wie die paradoxe Logik aussagt, kann in jedem Verlust auch ein Gewinn liegen, jede Schwäche auch Stärke sein – wenn ich es erkenne und zulasse. Wichtig für das seelische Wohlbefinden, für den Umgang mit mir selbst und mit anderen ist, mich aus der Opferrolle zu begeben: Ich bin nicht hilfloser Spielball von Ereignissen, Gegebenheiten und der Fehlerhaftigkeit anderer, sondern ich kann mich entscheiden, an Situationen und Verletzungen zu wachsen, in die reflektierte Auseinandersetzung, in die Aktivität zu gehen.

Vieles ist in meinem Leben schmerzlich verlaufen, doch ich beschreite den aktiven Weg der Aufarbeitung und sehe auch das Gute. Ich durfte den Begriff der Liebe sehr gründlich hinterfragen und mir meine eigenen Werte aufbauen. Dadurch, dass ich immer genau beobachten und die Gefühle und das Verhalten meiner Mutter vorhersehen musste, um mich zu schützen, entwickelte ich ein extremes Feingefühl und eine ausgeprägte Empathie. Ich verfüge über ein enormes Reflexionsvermögen, da ich genötigt war, mein Verhalten immer wieder zu evaluieren und auf Richtigkeit zu überprüfen. Ich bin extrem perfektionistisch und leistungsorientiert, weil ich nur Bestätigung bekommen habe, wenn ich geliefert habe und durch meine Leistungen aufgefallen bin. Das ist zwar teilweise selbstausbeuterisch, andererseits aber auch der Motor meiner Kreativität. Dadurch, dass ich mich fremd und unverstanden gefühlt habe, habe ich gelernt, mich mit mir selbst zu beschäftigen und Einsamkeit nicht als Gefahr, sondern als sicheren Ort des Rückzugs anzunehmen. Kurz: Ich bin selbstständig und selbstverantwortlich, ich analysiere sehr präzise und ich fühle sehr tief. Jede Verletzung, jede Zurückweisung, jeder Schmerz ist eine Chance zu heilen und zu wachsen. „Das Schwere ist des Leichten Wurzelgrund“, lehrt uns Lao-Tse. Wenn ich das nicht nur begreife, sondern im Laufe meines Lebens mehr und mehr verinnerliche, kann ich mich zur Gestalterin meines Lebens erheben, Widerstände überwinden, Grenzen erweitern, selbstliebend und sorgsam mit mir umgehen. Und mehr noch: Wenn ich mir selbst Fehler eingestehe und Milde walten lasse, kann ich auch anderen gegenüber verständnisvoller und großzügiger sein.


Wege aus der Verletzung: die Krise als Chance sehen und den Prozess umarmen

Krisen sind Chancen zu wachsen und wenn man dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson Glauben schenkt, ist jede Entwicklung nichts anderes als die erfolgreiche Überwindung einer Krise. Und: Krisen sind wertvolle Indikatoren, mir aufzuzeigen, wo ich stehe, was ich gelernt habe, in welchen Bereichen ich mich noch entwickeln darf, wo blinde Flecken sind.

„Alles verstehen heißt alles verzeihen.“ Madame de Stael

Oft sind wir in unseren eigenen Prozessen betriebsblind. Und Prozesse verlaufen nicht übersichtlich und geradlinig, sondern die Wege mäandern in unvorhersehbaren Verästelungen, wir geraten auf Abwege und Umwege, erleben dabei Erfolge und Misserfolge. Häufig habe ich mich in meinen Prozessen verurteilt: Warum konnte ich nicht schneller lernen, warum gab es immer wieder Rückschritte? Immer mehr wurde mir jedoch klar: Es geht im Leben nicht um ein Ankommen, um reibungsloses Abarbeiten, es geht um das Sein und die Ausgestaltung dessen. Ich lerne im Leben nicht aus, doch ich lerne. Meine Fortschritte zu würdigen bringt mir mehr als mich zu verurteilen, wenn mir etwas nicht gelingt, wie ich es gerne hätte. Ein Prozess ist ein dynamisches System, das mich zwangsläufig immer wieder zurückwerfen wird, da Gelerntes auch auf andere Situationen übertragen werden muss und somit neu gelernt werden will. Ein Vertrauen in meinen eigenen Weg gibt mir die Stärke, ihn zu lieben. Letzen Endes kann ich dankbar sein für alle Steine auf meinem Weg und ich kann aufhören, sie als Hindernis, Last und Zumutung zu begreifen. Sie sind Gegebenheiten und es liegt an mir, ob ich mich darüber ärgere und sie beweine oder ob ich mich freue, lernen und erfahren zu dürfen.


Muster zementieren oder aufsprengen

Auf Verletzungen reagieren wir je nach Situation, Persönlichkeitsstruktur und Vorgeschichte. Bei der Verarbeitung von Konflikten reagieren wir häufig mit Abwehrmechanismen. Der grundlegendste davon ist die Verdrängung. Dann geraten Aspekte und Verhaltensmuster in den Bereich des Unterbewussten, wo sie nicht abrufbereit sind, aber dennoch unser Verhalten beeinflussen. Manchmal können wir uns dann selbst nicht erklären, weshalb wir verletzt sind, oder warum wir reagieren wie wir reagieren. Konflikte bieten die Möglichkeit, unbewusste Strukturen in den bewussten Bereich übertragen zu können, mit ihnen zu arbeiten und sie im Idealfall, wenn sie uns schaden, aufzubrechen, uns selbst umzuprogrammieren und gesünderes Verhalten neu zu erlernen.


Die wichtigsten Abwehrmechanismen des Ich (aus Zimbardo/Gerrig: Psychologie)

Über viele Jahre hinweg habe ich meine Gefühle zurückgestellt und meine Bedürfnisse nicht klar kommuniziert. Dies hat zu vielen Verletzungen und zerbrochenen Beziehungen geführt. Irgendwann habe ich den Beziehungen abgeschworen, war mit meiner Selbstheilung beschäftigt, habe Sexualität konsumiert und war auch anderen gegenüber ausbeuterisch. In dieser Zeit konnte ich meine Selbstliebe aufbauen, lernen, meine Grenzen zu erspüren und zu setzen. Auf Verletzungen habe ich meist mit Abwehr und Abkapselung reagiert oder mit übertriebener Anpassung, bin aus meinem Raum herausgetreten, habe versucht, Situationen und Beziehungen zu kontrollieren. Und plötzlich stellte ich fest, dass ich mir einen Elfenbeinturm erschaffen hatte, den niemand mit mir bewohnen konnte, weil ich mir einerseits nichts mehr als Liebe gewünscht hätte, andererseits nicht in der Lage war, sie anzunehmen und wirklich auch mein Gegenüber in die Rechnung mit einzubeziehen. Das alles verlief natürlich nicht so trennscharf, wie ich es hier aufführe, sondern graduell. Es waren langwierige Prozesse mit Fortschritten und Rückschritten. Das Muster, das sich daraus ergeben hatte, basierte auf meinen Glaubenssätzen: Meine Wünsche und Bedürfnisse haben keinen Raum; ich bin nicht liebenswert. Somit geriet ich immer wieder in Situationen, in denen Menschen meine Bedürfnisse und Wünsche nicht erkannt und berücksichtigt haben, in denen ich das Gefühl hatte, mich zurücknehmen zu müssen, einerseits zu viel und andererseits zu wenig zu sein. Immer wieder geriet ich an Männer mit Bindungsangst, denen meine Unverfänglichkeit erst einmal erleichternd vorkam, die dann aber feststellten, dass ich doch geliebt und respektiert werden möchte, das aber nicht leisten konnten oder wollten. Sie reagierten meist mit plötzlichem Fluchtimpuls und ich blieb verlassen und in dem Gefühl, gleichzeitig zu viel und zu wenig zu sein, zurück. Ein Erlebnis aus meiner Gegenwart hat mir dieses Muster besonders deutlich aufgezeigt und es ist mir gelungen, nicht demselben Muster zu verfallen wie gewohnt, nämlich auf Verletzung mit Abkapselung zu reagieren und mich selbst weiter in die Einsamkeit zu drängen. Meine Lektion aus der Erfahrung war eine Wertvolle. Ich habe eines dadurch mehr gelernt als zuvor: wie heilend Verzeihen sein kann.


Verzeihen kann heilend sein, Konsequenzen zu ziehen ist aber notwendig

Ein Mann, mit dem ich mich seit einiger Zeit treffe, gab mir endlich das Gefühl, nicht zu viel zu sein: Ich konnte mich ganz und gar zeigen, auch Schwächen und Bedürfnisse zulassen und hatte keinen Rückzug seinerseits zu befürchten. Bis sich die Situation wie bereits bekannt urplötzlich drehte und gänzlich auf dem Kopf stand. Seine in seinem Empfinden überwundene Bindungsangst kehrte zurück. Er zog sich zurück und beschloss insgeheim, dass es mit uns zu Ende ist. In der Zwischenzeit schlief er mit einer Freundin, welche sich ihrerseits unbewusster Weise in unsere Beziehung gedrängt hatte, weil sie schlicht wollte, was ich hatte. Ihr war bewusst, dass mich das verletzen würde, weil sein Rückzug mir gegenüber zeitgleich mit dem steigenden Interesse ihr gegenüber stattfand. Ich fühlte mich ersetzt und übergangen. Trotz dieses Wissens provozierte sie eine Situation, die sie letztlich nutzte, und sie hatten Sex miteinander. Beide gingen dabei über meine Grenzen und Gefühle hinweg. Schuldbewusst erzählte er mir am nächsten Tag davon. Für mich war das zunächst ein heftiger Schlag in die Magengegend. Meine Gefühle waren verletzt. Ich spürte aber, dass er nicht böswillig gehandelt hatte. Ich konnte in dem Moment klar trennen zwischen der Verletzung auf meiner Seite und dem Verständnis für seine Situation. Zwar hatte er nicht korrekt und wertschätzend gehandelt, doch er brachte die Ehrlichkeit auf, mir das zu erzählen, war offensichtlich betroffen, verstand meine Verletzung und entschuldigte sich. Ich war selbst überrascht, dass ich mich nicht wie sonst zum Igel zusammenrollte, oder die Situation und den Menschen hocherhobenen Hauptes aber verletzten Herzens verließ. Ich erklärte ihm meine Verletzung, ich sagte ihm, dass ich mich übergangen fühlte, ich machte ihm klar, dass ich so nicht behandelt werden möchte, doch ich zeigte gleichfalls Verständnis für seine Situation, ich machte keine Vorwürfe, urteilte nicht. Ich stellte fest: Meine Selbstliebe und meine Sicherheit waren so sehr gewachsen, dass ich fremdes Verhalten nicht mehr auf mich beziehen musste, und dass nicht das Gefühl in mir entstand, es läge an mir und ich sei zu wenig. Ich sagte ihm, ich bräuchte Zeit, mich zu sortieren. Ich sagte, Fehler passierten, wichtig sei der Umgang damit. Ich sagte ihm auch, dass ich an dem Konflikt sehen könne, wie sehr ich selbst gewachsen war. Dann umarmte ich ihn, verließ die Bar und fühlte mich überraschender Weise gut. Trotz der Verletzung und der veränderten Situation fühlte ich mich klar und geordnet. Ich hatte mich der Situation ermächtigt. Und ich spürte meine Größe. Ich hatte vergeben. Nun galt es nur noch, meinen Umgang damit zu finden. In den folgenden Wochen erwog ich gründlich, ob ich ein Weiterführen unserer Verbindung als für mich möglich und erstrebenswert erachtete. Unsere Charakterdispositionen (ich als Kind einer Narzisstin, er mit Bindungsangst) boten Konfliktpotential, mein Vertrauen war angeknackst, dennoch war unsere Kommunikation gelungen und er war ehrlich gewesen. Ich sah nach einer Prüfung der Umstände ein, dass eine romantische Fortführung unserer Beziehung mir nicht gut getan hätte, doch wir schafften es letztlich, unsere Freundschaft zu erhalten und wir konnten beide an dem Geschehenen wachsen. Mein Muster war durchbrochen: Weder knallte ich die Tür zu, noch klammerte ich an jemandem, um meine Verletzung von ihm heilen zu lassen, noch entfernte ich mich von mir selbst und lief einem anderen hinterher.


Verzeihen heißt nicht, alles mit sich machen zu lassen

“Some people are in such utter darkness that they will burn you just to see a light. Try not to take it personally.” Kamand Kojouri

Anders verhielt es sich mit der Freundin. Sie hatte mir wohlwissend Schmerzen zugefügt, denn wir hatten am Tag bevor sie zu ihm ging und mit ihm schlief ein Gespräch, in dem ich ihr schilderte, dass es mich schmerzte, wie er sich gleichzeitig von mir zurückzog und sich ihr öffnete. Ich sagte ihr, dass es mich verletzen würde, wenn die beiden etwas miteinander anfingen, dass ich es ihnen aber natürlich nicht verbieten könne, dass ich es nur wissen wolle und dann meinen Umgang damit finden müsse. Sie interpretierte meine Aussage als grünes Licht um und lud sich am nächsten Tag bei ihm ein. Sie hatten Sex. Ich spürte auch, dass es ihr nicht nur um ihn ging, sondern dass sie vielmehr wollte, was ich hatte, und sich unbewusst mit mir verglich. Natürlich war mir klar, dass meine Theorie nicht zutreffen musste, doch es gab bereits eine Vorgeschichte und meine Intuition gab mir deutliche Signale. Letzten Endes sprachen wir über die Situation. Es war ein sehr energieraubendes Gespräch, da sie nicht verstand, was schiefgelaufen war. Eine kommunikative Basis war nicht vorhanden. Ich entfernte mich in diesem Moment von ihr. Zwar war ich ihr nicht böse, unterstellte ihr keine bewusste Berechnung, sondern wollte ihr glauben, dass sie nicht absichtlich so gehandelt hatte, doch ich spürte, dass ich mich von ihren toxischen Strukturen fernhalten musste, dass meine Gefühle bei ihr nicht in wertschätzenden, verantwortungsbewussten Händen waren. Ich verzieh. Doch ich zog meine Konsequenzen. Wir verstehen uns und meiden uns nicht, doch darüber hinaus haben wir keine freundschaftliche Verbindung. Auch meiner Mutter gegenüber habe ich keinen Groll mehr und mache ihr keine Vorwürfe. Dennoch habe ich aus Rücksicht auf meine emotionale Stabilität keinen Kontakt zu ihr. Die beschriebene Situation mit der Freundin ist eine unter vielen. Natürlich hatte ich auch schon zuvor vergeben. Doch so intensiv gefühlt, wie heilend ein Verzeihen sein kann, wie viel weniger schmerzhaft es ist, Situationen nicht auf sich zu beziehen, hatte ich vorher nicht.

Verzeihen heißt nicht, alles mit sich machen zu lassen. Doch es heißt, anderen und sich selbst auch Schwächen einzugestehen und nicht verachtend oder ablehnend auf sie zu reagieren. Eine klare Position zu beziehen ist aber für den Selbstschutz wichtig. „Ich werde nicht zulassen, dass jemand mit schmutzigen Füßen in meinem Kopf herumläuft“, wusste Mahatma Gandhi.

Es gilt also selbstfürsorglich auszuloten: Wer und was tut mir gut und wen und was möchte ich in meinem Leben? Verständnis und Wohlwollen helfen, verletzende Situationen weniger schmerzhaft, schneller und ehrlicher zu verarbeiten und gestärkt anstatt geschwächt aus ihnen hervorzugehen.



Spoken Word zum Thema von Freifrau von Willen



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