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DIE LIEBE IST KEINE SYMBIOSE: Beauvoir & Sartre – ein Erfolgsmodell der offenen Beziehung

Aktualisiert: 8. Nov. 2022

von Nora Brandt


Artwork @nka.arte


Die Philosoph*innen Simone de Beauvoir (*1908, †1986) und Jean-Paul Sartre (*1905, †1980), zwei radikale Vertreter*innen des Werts der Freiheit, führten trotz aller augenscheinlichen Unterschiede eine fünfzigjährige Liebesbeziehung, die für die damalige Zeit einen revolutionären Charakter aufwies und von ungeheurer Tiefe gekennzeichnet war. Sie lebten einen Entwurf, der sich von der gängigen Liebesordnung gänzlich unterschied und ihren gemeinsamen Wert der Freiheit in den Mittelpunkt stellte. Damit machten sie sich zur Projektionsfläche von Anfeindungen, erhoben sich aber auch zum Status der Liebes-Pioniere.


Ich liebe das Leben so sehr und verabscheue den Gedanken, eines Tages sterben zu müssen. Und außerdem bin ich schrecklich gierig; ich möchte vom Leben alles, ich möchte Frau, aber auch Mann sein, viele Freunde haben und allein sein, viel arbeiten und gute Bücher schreiben, aber auch reisen und mich vergnügen, egoistisch und nicht egoistisch sein.“ Simone de Beauvoir an ihren Liebhaber Nelson Algren 1948

Sie war 21 Jahre, er 24 als sie sich 1929 an der Universität kennenlernten. Sie wurden ein Paar und blieben dies 51 Jahre lang, bis zum Tod Sartres 1980. Streng katholisch erzogen zwischen Prüderie und Verboten stellte sich de Beauvoirs Denken und Handeln ihrer Herkunft entgegen. Sie verspürte einen unbändigen Freiheitsdrang und den Willen, gesellschaftlich wirksam zu sein. Für sie hieß gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen in erster Linie Schreiben. Mit 36 Jahren (1943) veröffentlichte sie ihr erstes Buch, das sogleich großes Aufsehen erregte: der Roman Sie kam und blieb, in dem sie die Erfahrungen ihrer Dreiecksbeziehung (zwischen ihr, Sartre und Olga Kosakiewicz) literarisch verarbeitete. Sartre wurde derzeit schon als aufsteigender Stern am literarischen Himmel französischer Intellektueller gefeiert. Fünf Jahre zuvor, 1938, wurde sein Roman Der Ekel veröffentlicht, worin er sich mit der Freiheit und der Einsamkeit des Individuums auseinandersetzte. 1941 folgte sein philosophisches Hauptwerk Das Sein und das Nichts. Hierin wandte er sich vom Determinismus der christlichen Weltanschauung ab und verkündet die totale Freiheit und Verantwortung des freien Menschen – ohne Gott, ohne Gnade, ohne Reue. Fortan galt er als französischer Hauptvertreter eines atheistischen Existentialismus. Zudem verarbeitete er darin seine Theorie der Liebe, wonach man sich in der Liebe nicht niederlassen könne wie in etwas Erworbenen, sondern diese immer neu erfinden müsse: Die Harmonie zwischen zwei Individuen ist niemals gegeben.“ Mitten in Zeiten des Zweiten Weltkrieges erlebte das Paar heftige Erschütterungen, die literarisch verarbeitet wurden. Zwischen 1939 und 1941 wurde Sartre in den Kriegsdienst eingezogen und von der Deutschen Wehrmacht gefangengenommen. In dieser Trennungszeit bestand ein intensiver Briefkontakt und Sartre schrieb ein umfangreiches Kriegstagebuch. Auch de Beauvoir nutzte die Trennung um sich voll und ganz ins Erzählen zu stürzen, was schließlich in ihrem ersten Roman mündete. Nach Sartres Rückkehr war er aktiv in der Widerstandsbewegung der französischen Armee gegen die deutsche Besatzung, ließ sich in Paris als freier Schriftsteller nieder, schrieb Theaterstücke, gründete mit Albert Camus die Zeitschrift Combat und wurde Herausgeber der politisch-literarischen Zeitschrift Les Temps Modernes, die de Beauvoir später in seiner Abwesenheit weiterführte. In den fünfzig Jahren ihres Zusammenseins erschufen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir zwei außerordentliche Lebenswerke (Sartre erhielt sogar 1965 den Nobelpreis für Literatur, den er aus "persönlichen und objektiven" Gründen ablehnte, was nicht stattgegeben wurde) und errangen Anerkennung und Ehre ebenso, wie ihnen Ablehnung und Kritik zuteilwurde. Neben all dem führten sie eine visionäre Beziehung, geprägt von Höhen und Tiefen, doch durchzogen von Aufrichtigkeit, Innigkeit und Tiefe.


Sie vereinbarten Freiheit und Verbundenheit

Ihre Beziehung war vom Grundsatz der gemeinsamen Freiheit geleitet. Eine Ehe schlossen sie nicht, denn sie lehnten diese „beschränkende Verbürgerlichung und institutionalisierte Einmischung des Staates in Privatangelegenheiten“ ebenso ab wie die Monogamie. Stattdessen sprachen sie von einem „Pakt“, der auf absoluter Ehrlichkeit und Offenheit begründet war und ihren eigenen Spielregeln folgte: Liebe ohne Vertrag, ohne Einschränkungen und ohne Besitzdenken. Sie führten gemeinsame oder getrennte Liebesbeziehungen mit anderen Menschen. Insbesondere Sartre führte ein ausschweifendes Sexleben, aber auch de Beauvoir hatte zahlreiche Beziehungen zu Frauen (darunter auch Geliebte Sartres) und zu Männern. Sie hatten keine gemeinsamen Kinder, denn, so begründeten sie den Entschluss: Sie genügten sich selbst und wünschten keine Duplikate ihrer selbst. Auch wohnten sie nie zusammen. Sie unternahmen viele gemeinsame Reisen und lebten meist in Hotels, jedoch in getrennten Zimmern. Sie siezten sich gar ihr Leben lang. Neben diesen Freiheiten lebten sie in enger Verbundenheit. Ihre hinterlassenen Briefe zeugen von ihrer tiefen Auseinandersetzung miteinander. „Sie sind mein Leben, mein Glück und ich selbst“, schrieb de Beauvoir Sartre. Seine Antwort: „Sie sind ich“. Sartre, ein Mann, der von Symbiose nicht viel hielt, beschrieb de Beauvoir in seinen Tagebüchern als die „Konsistenz“ seiner Person.

„Ich bin ganz gerührt von Ihnen, ich liebe Sie. Ich habe nie so stark gespürt, daß unser Leben keinen Sinn mehr hat außerhalb unserer Liebe und daß nichts etwas daran ändert, weder die Trennung noch die Verliebtheiten, noch der Krieg. Sie sagten, das sei ein Erfolg für unsere Moral, aber es ist genauso ein Erfolg für unsere Liebe. Ich liebe Sie.“

Jean-Paul-Sartre an Simone de Beauvoir 1939

Neben ihrer tiefen emotionalen Verbindung teilten sie ihre Ideale und formen damit ihre Ideologie. Ihr gemeinsames Thema war ihr politisches Wirken und ihr philosophisches Werk.

Der intellektuelle Austausch zwischen den beiden war der Kern ihrer Beziehung, dem ihre Körperlichkeit nach einigen Jahren des Zusammenseins wich. Sie redigierten gegenseitig ihre Schriften und tauschten sich über ihre Arbeit aus. Sie schrieben im Café de Flore in Paris und tummelten sich im Kreis der intellektuellen und künstlerischen Pariser Avantgarde. Ihre Beziehung war von gleichberechtigter Wertschätzung und Respekt gekennzeichnet. In der Literatur ist strittig, wer von den beiden wen beeinflusste. Sie selbst sprachen von einer Art Osmose, einer wechselseitigen Beeinflussung, in der sie sich gegenseitig durchdrangen.

Für die damalige Zeit war ihr Lebensstil bemerkenswert unkonventionell und alternativ. Als Vertreter*innen ihrer Sache war ihre Lebensweise nur konsequent. Schließlich begründeten sie den Existenzialismus, der besagt, dass der Mensch keinem unwiderruflichen Schicksal unterlegen sei, sondern sich durch das eigene Handeln und in Eigenverantwortung selbst seine Existenz schaffe. Die Aufgabe des Menschen bestünde darin, sich aus gesellschaftlichen Zwängen zu lösen um die Gesellschaft zu erneuern, was auch Ungewissheit mit sich bringe, ein ständiges Sich-neu-Erfinden. So formten sie nicht nur die philosophische Theorie, sondern bildeten auch ihre Leben danach ab. Die Einheit von Mensch und Werk ist Grundelement des Existenzialismus.


Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre gelten neben Albert Camus als Hauptvertreter*innen des Existentialismus, einer philosophischen Strömung der Existenzphilosophie. Der Existenzialismus kritisiert die Sinnbestimmung des Menschen auf Grundlage der reinen Existenz. Die Essenz eines Menschen könne nur ausgestaltet und beschrieben werden, wenn man den einzelnen Menschen betrachtet. Somit sei die menschliche Existenz nicht etwas Naturgegebenes, sondern etwas, das das Individuum im Laufe eines Lebens ausgestaltet. Der existenzialistische Mensch müsse sich konstant transzendieren, indem er handelnd und arbeitend etwas aus sich mache. Damit einher gehe auch die Verantwortung für die Ausgestaltung der eigenen Möglichkeiten, die sich in der Verantwortung sich selbst und allen anderen Menschen gegenüber manifestiert. Themenschwerpunkte des Existentialismus sind Angst, Tod, Freiheit, Verantwortung und Handeln als elementar menschliche Erfahrungen. Selbstbetrug (mauvaise foi) sei Todsünde. Kern ist das Problem der Befreiung des Menschen zu seinen eigenen Möglichkeiten hin.

Die Wirren ihres Liebeswerks In diesem Wechselspiel aus Theorie und Praxis lief nicht alles reibungslos. Die posthum veröffentlichen Briefe zwischen den beiden brachten viele Details zu ihrem Liebesleben zum Vorschein und belegen, wie innig und tief aber auch stellenweise problematisch ihre Verbindung war.

Ihre ersten gemeinsamen Jahre verliefen relativ unbeschwert. Sartre schrieb de Beauvoir rückblickend auf diese Zeit: „Wir allein bestimmten unsere Bindungen an die Umwelt. Unser Lebensmark war die Freiheit. Tagtäglich übten wir sie bei einer Tätigkeit, die in unserem Leben breiten Raum einnahm: beim Spiel.“ Doch die Probleme sollten noch kommen. Teil ihres Paktes war, dass sie im Liebesleben des*der anderen die unangefochtene Hauptrolle spielten. Dies hatte zur Folge, dass es für Dritte mitunter schwierig war. Bianca Lamblin bespielweise, eine gemeinsame Liebhaberin der beiden, bezeichnete das Vorgehen der beiden in ihren Memoiren als skrupellos und rücksichtslos. Vorwürfe, die de Beauvoir und Sartre in späteren Interviews teilweise bestätigen.


„Das heißt, dritte Personen, in Sartres Leben wie in meinem, wussten von Anfang an, dass es da eine Beziehung gab, welche diejenige, die man mit ihnen hatte, erdrücken würde. Das war oft nicht sehr angenehm für sie. Unsere Beziehung ging wirklich ein wenig auf Kosten dieser Dritten. Also ist diese Beziehung durchaus zu kritisieren, denn sie schloss ja manchmal ein, dass man sich den Leuten gegenüber nicht sehr korrekt benahm.“ Simone de Beauvoir in einem Interview mit Alice Schwarzer für EMMA 2008


Auch für das Paar brachte der Pakt Schwierigkeiten mit sich. Der Pakt mit Sartre, so de Beauvoir „gründete auf Wahrheit, nicht auf Leidenschaft. Und so einen Pakt zu verwirklichen ist nicht gerade einfach.“ So suchten sie die Leidenschaft außerhalb ihrer Beziehung. Zunächst waren ihre amourösen Verstrickungen hauptsächlich schwärmerischer oder insbesondere bei Sartre körperlicher Natur. Rückblickend beschrieb Sartre: „…ich war eher ein Frauenmasturbierer als ein Beischläfer. […] Für mich bestand die wesentliche affektive Beziehung darin, dass ich sie küsste, streichelte, dass ich meinen Mund über ihren Körper wandern ließ. Aber der Sexualakt, er existierte auch, und ich vollzog ihm, vollzog ihn sogar oft, aber mit einer gewissen Gleichgültigkeit.“ Er war also mehr Verführer als Liebhaber, doch bemühte er sich intensiv um die Liebe der Frau: „Sie mussten mich lieben, damit diese Sensibilität etwas wurde, was mir gehörte. Wenn sie sich mir hingaben, sah ich diese Sensibilität auf ihrem Gesicht, am Gesichtsausdruck, den sie hatten, und diese Sensibilität auf ihrem Gesicht wiederzufinden, war so, als ergriffe ich besitz von ihr.“ Er liebte die Affektivität und die Gefühlssteigerung.


„Sartre erschien mir als Meister der Sprache der Liebe, fesselnd und voller überraschender Bilder. Er begnügte sich nicht damit, über seine Liebe zu <sprechen>, sondern war zugleich ein Führer, ein Meister.“ Bianca Lamblin, Geliebte von Sartre und de Beauvoir


Auch de Beauvoirs Aussagen lassen den Schluss zu, dass ihre Verbindungen zunächst eher oberflächlicher Natur waren: „Wenn ich neue und anziehende Leute kennenlernte, knüpfte ich mit ihnen angenehme Beziehungen an, ohne dass sie mich wirklich berührten.“ Doch 1933 lernte sie ihre Schülerin Olga Kosakiewicz kennen und es entwickelt sich eine Dreiecksbeziehung zwischen den beiden Frauen und Sartre, die die Vorlage für de Beauvoirs ersten Roman bildete: „Ein mit allen Reizen ausgestatteter Phönix hätte seinen ganzen Zauber aufbieten können und meine Gleichgültigkeit doch nicht erschüttert. Olga traf die einzige verwundbare Stelle meines Herzens: Sie brauchte mich.“ Eine Verbindung mit Sprengstoffpotential, denn beide zerrten an der Dritten („Niemand durfte Olga mehr bedeuten als er [Sartre]“). Sartre bestand darauf, Teil der Konstellation zu sein. Ob Eifersucht seinerseits auf die innige Verbindung der Frauen dahintersteckte, lässt sich nur vermuten. Zudem litt Sartre derzeit an Wahnvorstellungen, die Folge eines injizierten Meskalintrips waren. Als „Getriebe der Höllenmaschine“ bezeichneten sie diese Verbindung, die sich 1937 auflöste, als Olga Jacques-Laurent Bost kennen und lieben lernte.

Danach stürzten sich Sartre und de Beauvoir umso mehr in die Literatur. Dann kam der Krieg und die damit verbundene räumliche Trennung. Die Erfahrungen der Dreierbeziehung resümierte de Beauvoir mit folgenden Gedanken: „Ich gestand mir ein, dass es falsch war, einen anderen und mich selbst unter die Zweideutigkeit dieses bequemen Wortes ’wir’ zu zwingen. Es gab Erfahrungen, die sich jeder selbst er-leben musste.“

Eine solche Erfahrung war für Sartre Dolorès Vanetti, die er 1945 in den New York kennenlernte. Sie war Sartres große Liebe von 1945 bis 1950 und für de Beauvoir die „einzige, die mir Angst gemacht hatte.“ Denn Sartre war heftig verliebt in Vanetti und diese konnte sich mit ihrer Rolle als Zweitfrau nicht abfinden. Sartre stellte die Bedeutung des Paares im Zentrum infrage und ebenso aus Solidarität für die andere Frau ihre Regel der gemeinsamen Offenheit.

Als Sartre 1946 aus den USA zurückkehrte, stellte ihm de Beauvoirs die Frage „Sagen Sie ehrlich: An wem hängen Sie mehr, an Dolorès oder an mir?“ und er antwortete: „Ich hänge ungeheuer an Dolorès, aber ich bin bei Ihnen.“ Die beiden Frauen achteten auf die Einhaltung einer räumlichen Trennung ihrer Beziehungen und Vanetti kam nur nach Paris, wenn de Beauvoir auf Reisen war. Ein einziges Mal trafen die beiden aufeinander.

1947 verliebte sich auch de Beauvoir heftig, ebenfalls in New York, und zwar in den Schriftsteller Nelson Algren, mit dem sie eine leidenschaftliche romantische, transatlantische Liebesbeziehung einging. „Von nun an werde ich mit Ihnen zusammen sein wie die liebende Ehefrau eines geliebten Ehemanns. Es wird kein Aufwachen geben, denn das ist kein Traum; er ist eine wunderbar wirkliche Geschichte, die eben erst beginnt“, schrieb sie ihm 1947 im Flugzeug auf dem Weg zu ihm.

Doch das Aufwachen folgte drei Jahre später. Etwa zeitgleich ging auch die Beziehung zwischen Sartre und Vanetti in die Brüche. Die Jahre dazwischen waren Jahre der Zerrissenheit, in denen beide, Sartre und de Beauvoir versuchten, ihre Lieben und die Liebe zueinander zu vereinbaren. De Beauvoirs Infragestellung des polyamoren Konzepts wird in ihren Worten an Algren deutlich: „[…] ist es recht, einen Teil von sich zu geben, ohne bereit zu sein, alles zu geben? Kann ich ihn lieben und ihm sagen, dass ich ihn liebe, ohne die Absicht zu haben, ihm mein ganzes Leben zu geben?“ Die Beziehung zu Algren gab ihr das, was in der Beziehung zu Sartre fehlte: Romantik, Hingabe und Leidenschaft. Gleiches galt für die Beziehung Sartre und Vanetti. Das Paar de Beauvoir und Sartre drohte sich in dieser Herausforderung voneinander zu entfremden. Doch letzten Endes waren sie es, die blieben, als die anderen gingen und sie halfen sich gegenseitig über ihre Trennungen hinweg. Es folgten weitere Lieben und Affären, doch so erschüttern wie diese Verbindungen konnte sie nichts mehr.

Kurzgefasst verlief ihr Pakt nicht reibungslos, doch letztlich erfolgreich: Beide verliebten sich leidenschaftlich in andere, wodurch er stellenweise ins Wanken zu geraten schien; Verlustängste und Eifersucht waren Themen; mitunter zweifelten sie auch die Sinnhaftigkeit ihres Ehrlichkeitsgelübdes an; auch die eigene Unabhängigkeit zu bewahren und flexibel zu bleiben, nicht der Bequemlichkeit und der Bezugnahme des anderen zu erliegen, schien für beide herausfordernd gewesen zu sein. Somit zeichnen sich dieselben Schwierigkeiten ab, die auch heute noch Gegenstand offener und polyamorer Beziehungen sind.


Sie machten sich zur Angriffsfläche und erfüllten eine Modellfunktion

Mit ihrer offenen und stellenweise polyamoren Beziehung, die mit bürgerlichen Moralvorstellungen brach und mit ihrer neu erfundenen Praxis der Liebe wurden sie sowohl zur Spiegelfläche von Anschuldigungen und Abwertungen, als auch zu Symbolfiguren der 68er und deren Folgegenerationen. Doch nicht nur ihr Pioniercharakter in der Lebens- und Liebensgestaltung schürte gespaltene Reaktionen. Simone de Beauvoir stellte zudem die Rolle der Frau auf den philosophischen Prüfstand. Sie wollte sich nicht in die gängige untergeordnete Rolle der Frau in der Gesellschaft fügen, sondern Schriftstellerin sein. So stellte sie auch ihr literarisches Schaffen in den Dienst der Neudefinition der Rolle der Frau. Sie gilt heute als eine der Begründerinnen des Feminismus nach 1968. In ihrer 1951 erschienenen Analyse Das andere Geschlecht (Original Le Deuxième Sexe), die sie 1949 veröffentlichte, erörterte sie die Unterdrückung der Frau im Patriarchat und leistete damit einen fundamentalen Beitrag zur feministischen Bewegung. In diesem Werk untersuchte sie biologische, psychoanalytische und historische „Fakten und Mythen“ und die „gelebte Erfahrung“ der Frau. Dabei konstatierte sie die Unterdrückung der Frau als Resultat gesellschaftlicher Konventionen: „Man ist nicht als Frau geboren, man wird es“. Frauen würden von den Männern, die sich als das Subjekt begreifen (das Absolute, Essentielle), zum „Anderen Geschlecht“ gemacht und in die Rolle des Objekts gedrängt, das sich nur in Abhängigkeit vom Mann definiert. Folglich habe die Frau mit stärkeren Konflikten zu kämpfen als der Mann. Sie müsse sich, um ihrer „Weiblichkeit“ gerecht zu werden, mit einer passiven Rolle begnügen, die dem Wunsch entgegenstehe, sich als freies Subjekt durch Aktivität selbst zu entwerfen. Ganz im Sinne der existenzialistischen Phänomenologie betrachtete sie die Frau nicht als etwas, das allgemein beschrieben werden kann, sondern einzig als das Ergebnis ihrer individuellen Erfahrung. Sie entmystifizierte in ihrer Studie die Frau als ein geheimnisvolles Wesen und beschrieb sie im Kontext ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation. Grundlage der Versklavung der Frau sei wirtschaftliche Abhängigkeit. Erst durch wirtschaftliche Emanzipation könne sie sich davon befreien. Dazu wollte sie die Frauen ermutigen: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen – sie bekommen nichts.“ Mit ihren Werken stieß sie die späteren Diskussionen im Feminismus an, beeinflusste diese und war wegbereitend für die Gender Studis.


Simone de Beauvoir forderte die materielle und rechtliche Gleichstellung der Frauen. Ihre These: Es gibt kein „Wesen“ der Frau, diese ist vielmehr Resultat ihrer gesellschaftlichen Zuschreibungen und ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Daher sollen Frauen die Verantwortung für das eigene Glück übernehmen und sich von der patriarchalen Welt unabhängig machen.

Allerdings wurde ihre Arbeit kontrovers diskutiert: Für Das andere Geschlecht wurde sie polemisch angefeindet. „Sie hat den französischen Mann lächerlich gemacht“, warf ihr Camus vor. Kritik kam selbst aus den Reihen der Frauenbewegung, wo ihr unterstellt wurde, die Frauen als Opfer zu stigmatisieren. Dabei wollte de Beauvoir nicht das Ideal der Frau schildern, sondern vielmehr eine Bestandaufnahme liefern. Frauen seien oftmals verbittert und vereinsamt, nicht weil es in ihrer Natur liege, sondern weil sie an ihnen zugewiesenen Rollen festhielten.

Kritik kam auch aus konservativen Reihen: Einige Teile aus Das Geschlecht der Anderen wurden in ihrer Literaturzeitschrift Les Temps Moderns abgedruckt, die die Sexualität der Frau, Orgasmen, lesbische Liebe und Abtreibung thematisierte. Dies führte zu einem Sturm der Entrüstung. Darüber hinaus wurde ihr oftmals vorgeworfen, sie sei eine unterwürfige Anhängerin Sartres, die von ihm abschreibe und sich von ihm ausnutzen ließe. Dies brachte ihr den Rufnamen Grand Sartreuse ein. Ihr eigener Vater bezeichnete sie als „Hure dieses Wurms“. Anschuldigungen, die völlig unbeachtet lassen, dass Simone de Beauvoir eine der bedeutendsten und einflussreichsten Frauen des 20. Jahrhunderts war und ihre Schriften eine Wirksamkeit hatten, die sich in der Art der Auseinandersetzung von denen Sartres gänzlich unterschieden und ihnen mindestens ebenbürtig waren und sind. Eine Ungleichheit der beiden ergab sich nur aus der gesellschaftlichen Struktur, die für Frauen andere, beschränkende Gesetze (das Wahlrecht der Frau wurde erst 1945 eingeführt), Regeln, Sitten und Handlungsmöglichkeiten eröffnete als für Männer. Ihre Schriften und ihr Leben sind ermutigende Zeugnisse einer glücklichen und lebensbejahenden Frau, die das Leben als Abenteuer verstand und die Möglichkeit nutzte, es selbst zu gestalten. Eine Intellektuelle, die keinen Hehl aus eigenen Unzulänglichkeiten und Ängsten machte, sondern der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit Motor und Grundvoraussetzung ihres Seins, Denkens, Handelns und Wirkens waren. Kompromisslos, unbeirrbar, wagemutig und mit außerordentlichem Tempo lebte sie ihre Ideale der Freiheit, Selbstverwirklichung und Authentizität: „Ich will mein Leben denken und mein Denken leben“.


Liebe bis über den Tod hinaus

Diese Schmähungen überstanden die beiden ebenso wie eine Trennung durch Krieg und die Herausforderungen ihres Liebesmodells. Auch über die lange und zehrende Krankheit Sartres, der er letztlich erlag, blieben de Beauvoir und Sartre eine untrennbare Einheit zweier autonomer Individuen und sie entlarvten so manchen scheinbaren Widerspruch als vereinbar. Damit bewiesen sie nicht nur sich selbst, dass ihre Philosophie auch eine Philosophie der Praxis war und dass ihre Liebe von außergewöhnlicher Tiefe und Widerstandsfähigkeit war. Bis heute hallen ihr Wort und Werk mit einer Aktualität und Brisanz nach, als wäre es soeben ausgesprochen worden. Besonders eindrucksvoll ist das Fazit, dass man aus ihrem Leben ziehen kann: Der Mensch erschafft sich selbst. Er trägt dafür die Verantwortung und erhält im Gegenzug einen Gestaltungsspielraum, den er allein nach seinen Überzeugungen ausrichten kann.

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