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LIEBE HISTORISCH & KULTURELL: ein Streifblick über die Liebe durch Zeit und Raum

Aktualisiert: 11. Okt. 2022

von Nora Brandt

Artwork by nka.arte


Liebe ist… Wir kennen alle das Cartoon der pummeligen Kopffüßler mit den scheinbar unerschöpflich vielen Antworten auf die Frage, was denn nun Liebe sei. Und wenn wir uns die Frage selbst stellen, kommen wir wahrscheinlich zu ähnlich vielen Antworten. Ganz so leicht scheint es also nicht zu sein, die Liebe zu definieren. Und schließlich liebt auch jede*r anders und jede Liebesbeziehung zwischen Menschen ist wiederum individuell.


Allein die Wissenschaften nähern sich dieser Thematik ganz unterschiedlich: Man kann Liebe nüchtern als Ergebnis biochemischer Prozesse ansehen, oder entwicklungs- und verhaltenspsychologisch untersuchen. Künstlerisch kann man kann sich ihr lyrisch in Worten nähern oder sie in musikalisches Gefühl verwandeln. Liebe gibt es in mannigfaltigen Formen. Hinzu kommt – und das ist für diese Ausgabe auch titelgebend – dass es neben unterschiedlichen Verständnissen von Liebe auch ganz unterschiedliche Weisen gibt, diese zu gestalten und zu leben: „Liebe ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt“, formulierte der Arzt und Philosoph Albert Schweitzer und wird damit häufig zitiert. Dennoch halten die meisten noch an der Überzeugung fest, dass man lieber sparsam und wohl dosiert mit der Liebe umgehen und diese den monogamen Rahmen besser nicht verlassen sollte. Allein die Theorie der Liebe ist schon hochkomplex und ihre Praxis stellt uns tagtäglich vor Fragen und Herausforderungen. Wie soll man sich in diesem unübersichtlichen Dschungel zurechtfinden? Wie soll man etwas begreifen, das sich ständig als irrational erweist?


Eine Möglichkeit könnte sein, den Blick vom Baum auf den Wald zu lenken. Betrachtet man die Liebe im Wandel der Zeit und vergleicht man, wie sie an anderen Orten der Welt beschrieben und gelebt wird, lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen. Im Folgenden soll zunächst die historische Veränderung des Liebesbegriffs unserer westlichen Welt betrachtet und hernach mit der Vorstellung und Praxis der Liebe in anderen Kulturkreisen verglichen werden. Wie hat sich unsere Sexualität verändert und wie unterscheidet sie sich von der in anderen Kulturkreisen? Liebe und Sexualität werden hier keineswegs synonym verwendet, denn schließlich sind es zwei verschiedene Themenfelder, historisch und kulturell erfahren sie aber mal mehr und mal weniger Schnittmenge. Auch dies soll hier thematisiert werden.


Vom Überlebensvorteil zum Ideal – wie sich Liebe und Sexualität historisch entwickelten

Zwar kann man über die Liebesverhältnisse der Steinzeit nur spekulieren, doch wird dem frühen Homo unterstellt, dass die Bildung von Paaren und Gründung von Familien zu diesen Zeiten hauptsächlich praktische Motive verfolgte: Je stärker der Clan, desto höher waren die Überlebenschancen. Daraus resultierte auch die allseits bekannte Rollenverteilung der Jäger und Sammlerinnen.

(*1) Spätestens ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. sprachen die Philosophen im antiken Griechenland von der Liebe. Diese beschrieb jedoch ein geistiges Ideal tief empfundener Zuneigung unter Männern. Noch heute sprechen wir vom Päderasten oder der platonischen Liebe, Begriffe, die ihren Ursprung hier verortet sehen. Intergeschlechtliche Liebe allerdings galt als absurde Besessenheit und Bedrohung der inneren Ruhe und Harmonie. Die Liebesheirat war ein unbekanntes Konzept. Die Attribute der Frau wurden von berühmten Figuren wie Platon und Aristoteles alles andere als schmeichelhaft beschrieben. Sie charakterisierten das weibliche Geschlecht als körperlich und geistig minderwertig. Zu Eheschließungen kam es also ebenfalls hauptsächlich aus Gründen der Fortpflanzung und der Staatsverpflichtung.

Im römischen Reich erhielt die Ehe noch eine politische Komponente: zur Sicherung des Eigentums in gezielt arrangierten Bündnissen. Liebe war nicht der ausschlaggebende Grund für eine Heirat. Sexuelle Bedürfnisse fanden in Affären ihren Raum und Ehebruch war Gang und Gebe.

Mit dem Zerfall des römischen Imperiums ab 300 n. Chr. veränderte sich aber der Liebesbegriff: weg vom Irdischen und hin zum Himmlischen. Liebe konnte in der damaligen Vorstellung nur zu Gott existieren und weltliche Genüsse galten als teuflische Unsitte. Liebe und Sex galten als nicht vereinbar, denn Sexualität galt als teuflisches Laster und gefährdete angeblich die Liebe zu Gott. Damit wurde die Sexualität tabuisiert und zur teuflischen Versuchung erklärt. Der zur Fortpflanzung nötige Geschlechtsverkehr durfte keine vergnüglichen Aspekte mehr beinhalten. Die Frau, bekanntermaßen Ursache der Vertreibung aus dem Paradies, wurde zur unkeuschen Verführerin stigmatisiert.


(*2) Dieses Bild blieb bis ins Hochmittelalter hinein vorherrschend. Erst der französische Hof mit seinem Minnekult besang die Frau und verband die Liebe zu dieser mit romantischen Ambitionen. Diese fanden sich damals aber noch lange nicht in der Ehe verortet, die weiterhin reine Zweckgemeinschaft war. Das Werben um das Herz der Dame stellte auch eine Modeerscheinung zur Steigerung des sozialen Prestiges dar.

(*3) Aus den Sphären des reinen Ideals der Werbung löste sich die romantische Liebe zunehmend mit der Entstehung des Bürgertums in der Renaissance. Das weltliche Leben gewann an Bedeutung und mit ihm materielles Glück und irdische Reize. Diese Veränderungen machten sich aber noch nicht in einer Gleichstellung der Frau bemerkbar. Erst im 18. Jahrhundert, im Zuge der industriellen Revolution, bildete sich die Grundlage unseres modernen Liebesbegriffs heraus. Mit der Marktwirtschaft und deren Wettbewerb gewannen geistige Fähigkeiten an Bedeutung. Schulische Bildung, selbstbestimmtes Leben und die Auflösung der Großfamilie waren Folgen, die den Grundstein der Frauenrechte legten. Auch die Urbanisierung war entscheidend, konnten sich Frauen doch vor allem in den Industriestädten wirtschaftliche Unabhängigkeit erkämpfen. Die aus den gesellschaftlichen Umwälzungen entstehende Verunsicherung machte sich bemerkbar im individuellen Bestreben nach Sicherheit und Beständigkeit.

(*4) Eine innige Beziehung zwischen Mann und Frau schien Ordnung und Stabilität zu versprechen: Nun galt es, eine*n Seelenverwandte*n zu finden, häusliches Glück stand an höchster Stelle und die Liebesheirat fand Einzug in die Geschichte. Der Brockhaus definierte die Liebe Anfang des 19. Jahrhunderts als „lebenslängliche Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts, die in ihrer Vollkommenheit auf Liebe beruht“. Fortpflanzungsabsichten waren zwar immer noch vertreten, rückten aber in den Hintergrund. Auch eine kinderlose Ehe galt als gesellschaftlich akzeptiert. Nun waren Liebe und Sex keine unvereinbaren Gegensätze mehr, sondern gegenseitige Voraussetzung. Das Gefühl, menschliche Seelentiefe, Liebe und Treue waren auch Hauptthemen der damaligen Literatur. Die Romantik war geboren. In unserer heutigen Zeit kennen wir Liebe und Sex auch wieder getrennt voneinander und lösen uns langsam aus vorherrschenden monogamen Konzepten, doch die romantischen Ideale sind noch tief in uns verwurzelt.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts erlebte mit dem neuen Selbstverständnis der Frau die Zweckehe wieder eine kleine Renaissance und die Liebe versachlichte sich. Es entwickelte sich ein partnerschaftliches Liebeskonzept, das sehr viel kühler war. Es ging nicht mehr vornehmlich um die Ergründung des Gegenübers in seiner Gänze, sondern um einen Bund zur Lebensgestaltung von Alltag und Freizeit, der mit der eigenen und beruflichen Ausgestaltung einherging. Mann und Frau begegneten sich mehr denn je zuvor auf Augenhöhe.

Heute hat die Ehe an Stellenwert eingebüßt und das vorherrschende Prinzip der westlichen Welt ist die serielle Monogamie: also aufeinanderfolgende Zeitverbindungen mit sexuellem und emotionalem Exklusivitätsanspruch. Erst in jüngster Zeit öffnet sich die Gesellschaft für Konzepte, die den Anspruch körperlicher oder emotionaler Exklusivität beiseitelegen. Auch die Definition von Liebe erfuhr spätestens seit Erich Fromms Impulsen in den Fünfzigern eine Akzentuierung weg vom Besitzanspruchsdenken und der Liebe als Zweck oder Deal, hin zu Formen tieferer spiritueller Verbundenheit und aufrichtiger emotionaler Kommunikation. Trotz der sexuellen Revolution der 70er Jahre sind unser Liebesbegriff und unser Verständnis von Sexualität noch lange nicht dort, wo die liberalen Hippies beides gerne verortet gesehen hätten. Zu tief sitzen aufoktroyierte Scham in Bezug auf Sexualität (Selbstbefriedigung galt lange als sündig und weibliche Sexualität wurde noch von Freud als verkappte Version der männlichen Erotik interpretiert) und der Erwartungsdruck gesellschaftlicher Konventionen an Beziehungen. Es kostet Mut, gezielte Aufmerksamkeit und öffentliche Bereitschaft zur Thematisierung, sich diesen Bereichen zu widmen, denn in unserem mehr denn je individualisierten und liberalen Leben erahnen wir an vielen Stellen, dass die alten Konzepte neu geschrieben werden müssen. Betrachtet man beispielsweise die Bildungspläne der Länder zur Sexualerziehung, müsste Sexualität noch heute ausschließlich der Fortpflanzung dienen, jedoch keinesfalls der Lust. Neben der rein theoretischen Aufklärung über den Geschlechtsverkehr spielen emotionale oder sexualpädagogische Gesichtspunkte kaum eine Rolle. Ganz abgesehen davon, dass einige Biologielehrer*innen noch heute gerne diese Thematik ans Schuljahresende schieben, wo sie dann leider häufig vom Schuljahresabschluss verdrängt wird. Dabei müsste klar sein: Ein selbstbewusster Umgang mit Sexualität lässt sich weder aus der Bravo! noch aus der omnipräsenten pornografischen Filmvorlage erlernen. Und auch trotz regenbogenfarbenen Protesten sind Homosexualität und Transgender marginalisierte und noch stark stigmatisierte Randthemen, die sich nur mühsam in die Mitte der Gesellschaft kämpfen.


Vom Harem zum Beichtstuhl – wie sich Liebe und Sexualität kulturell unterscheiden

(*5) In unserer heutigen multikulturellen Gesellschaft erleben wir also einen zunehmenden Pluralismus der Liebe und nicht selten ist dabei die Rede von Problemen und Differenzen innerhalb interkultureller Beziehungen. Daraus wird ersichtlich, dass sich die Liebe nicht nur in einer erneuten Zeit des Umbruchs befindet, sondern dass Liebe und Sexualität an unterschiedlichen Orten der Welt auch ein unterschiedliches Selbstverständnis mit sich bringen. Natürlich ist offenkundig, dass im Iran anders geliebt wird als in Schweden, doch woher rühren die unterschiedlichen Liebesverständnisse und Sexualpraktiken?

Erich Fromm beleuchtete das Verständnis von Liebe aus soziohistorischen Aspekten heraus und erläuterte in seinem Werk Die Kunst des Liebens die These, dass unsere Liebesideale sich auch aus unserer religiösen Historie ergeben. Die indische, griechische, die jüdisch-christliche und die islamische Religion sind demnach allesamt patriarchalisch organisiert und hierarchisch gegliedert. Im Mittelpunkt stehen zumeist männliche Gottheiten, über die ein Hauptgott herrscht, oder die anderen Gottheiten gar ganz von einem einzigen verdrängt wurden. Die weibliche Liebe erfährt unter Umständen als Beiwerk ihre Komponente, wie beispielsweise in der Figur der Jungfrau Maria. Die Liebe des göttlichen Vaters ist (im Gegensatz zu einer weiblich bedingungslosen Mutterliebe) etwas, das man sich durch Leistung und Gehorsam erarbeiten muss. Daraus resultiere, so Fromms Schluss, dass auch Liebe allgemein, und somit auch die zwischenmenschliche Liebe, in unseren Kulturkreisen als etwas begriffen wird, das man sich erarbeiten muss und das dann Bestätigung erfährt, wenn man gewisse Bedingungen erfüllt – also keineswegs bedingungslos ist, sondern einem Tauschhandel entspricht. Im Buddhismus und im Taoismus, wo dieses monotheistische Gottesbild nicht vorherrscht, strebe man nach einer allgemeinen Harmonie und sei davon überzeugt, dass die Welt – nicht wie in der westlichen Kultur angenommen über den geistigen Zugang – sondern nur über die Gefühlsebene erfasst werden könne: im Erleben von Einssein. Dies führe zu einem veränderten Begriff von Gemeinschaft und Liebe und auch zu mehr Toleranz. Diese sehr tiefgreifende Interpretation könnte also erklären, weshalb in unserer westlichen Welt Liebe selbstbezogener und exklusiver gelebt wird als in kollektivistischen Kulturen. Dort steht tendenziell das Gesamtwohl über dem Individualwohl und Liebe ist hier nicht nur eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen, sondern verbindet ganze Familien.

Auch in der Sexualität unterscheiden sich die östliche und die westliche Welt. Denken wir an das Kamasutra und den Stellenwert, welcher der Sexualität in der östlichen Kultur damit eingeräumt wird im Vergleich zu unserer christlich sozialisierten Prüderie. So zeigen sich die Japaner*innen beispielsweise sexuell recht zugeknöpft. Einer internationalen Umfrage zufolge haben sie weltweit mit 48 Mal pro Jahr am seltensten Sex und nur 21% der Japaner*innen sprechen mit ihre*m*r Partner*in über sexuelle Belange. Ausgerechnet die Inder*innen als Begründer*innen des Kamasutras sind mit 13,6 Minuten pro Geschlechtsakt die schnellsten, während die Nigerianer*innen sich dafür durchschnittlich 24 Minuten nehmen. (*6) Und wie steht es im muslimischen Kulturkreis mit dem allseits bekannten Harem um sexuelle Offenheit? Mehrgeschlechtlichkeit war hier zwar erlaubt, aber selbstverständlich nur den Männern vorbehalten. Man bezeichnet die sogenannte Vielweiberei auch als Polygynie. (*7) Diese wurde unter Mustafa Kemal Atatürk (dem Begründer der modernen Türkei) allerdings verboten. Neben der Türkei ist sie nur noch in Tunesien gesetzlich verboten, in anderen islamischen Ländern ist sie bis heute erlaubt und wird praktiziert. Doch man würde es sich zu einfach machen, würde man die islamische Religion in Bezug auf Sexualität als Ganzes bewerten. Zwar unterscheiden sich die Vorstellungen der Geschlechterrollen muslimischer Kulturen dramatisch von unseren europäischen und sexuelle Übergriffe sind ganz besonders in Ägypten an der Tagesordnung, doch ist dies kein Erbe des klassischen Islam. Im klassischen Islam sind Genuss und Sinnlichkeit von zentraler Bedeutung und Befriedigung soll Mann und Frau zu gleichen Teilen beschieden sein. Vom achten bis zum zehnten Jahrhundert beispielsweise schrieben muslimische Gelehrte zahlreiche Liebeshandbücher ähnlich dem Kamasutra, die in der muslimischen Welt große Verbreitung fanden und auf die christliche Gelehrte vorsichtig verwiesen mit dem Hinweis, dass Sex etwas Natürliches und nichts Anstößiges sei. Doch sie fanden nur wenig Gehör im Christentum, das Sex lediglich als Mittel zur Fortpflanzung betrachtete. Diese Parameter haben sich also im Laufe der Geschichte verschoben. Heute klagen wir über die Unterdrückung der Frau im ehemals sexuell offenen Islam und wähnen uns in einem Land, das noch immer das Zölibat befolgt, sehr fortschrittlich.


Sexualität und Liebe unterliegen einem ständigen Wandel

Schlussfolgernd lässt sich also sagen: Liebe und Sexualität sind und waren schon immer schwer zu verallgemeinern und es können lediglich geographische und historische Trends beschrieben werden. Allein im heutigen Europa gibt es beträchtliche Unterschiede des amourösen und sexuellen Selbstverständnisses: Man denke vom französischen FKK-Strand zum prüden England, vom feurigen Spanien zum zugeknöpften Deutschland, vom fortschrittlichen Skandinavien zum homophoben Polen, das Schwangerschaftsabbrüche verbietet. Daraus wird ersichtlich, wie stark neben religiösen und soziohistorischen Aspekten auch die Mentalität oder wirtschaftliche Faktoren bestimmen, wie man liebt und lebt. Es gibt nicht die Liebe und die Sexualität. Es sind formbare Konzepte, die einerseits gesellschaftliche Besonderheiten und Entwicklungen spiegeln, andererseits durch diese beeinflusst werden. So liegt es auch nahe, dass die Individualisierung neue Konzepte mit sich bringt. Wir stecken mitten in einer Wandlung und sollten gut beobachten, ob die neuen Konzepte auch zu dem passen, wer wir sind und vielmehr wer wir sein wollen. Dies impliziert auch, dass man den sexuellen und emotionalen Status Quo durchaus kritisieren kann – und muss.


Artwork by @nka.arte


*1

Platons Liebesbegriff

Platon sieht in der Liebe (Eros) ein Streben danach, stets vom Besonderen zum Allgemeinen und vom Vereinzelten zum Umfassenden zu gelangen. Mit dieser Herangehensweise, also der eines Philosophen, und dem Ziel, zu immer höheren Erkenntnissen zu gelangen, solle man auch die Liebe begreifen. Sexualität schloss er keinesfalls aus. Auch der erotische Drang würde sich im Laufe der Entwicklung des höheren Erkenntnisstrebens auf immer umfassendere, allgemeinere, höherrangige und daher lohnendere Objekte richten und der*die Liebende im Finden des Schönen die Erfüllung seines Strebens finden.


*2

Die Ehe war im Mittelalter jedoch nur denen vorbehalten, die eine Familie auch ernähren konnten, also einem sehr kleinen Teil der Gesellschaft: Adligen, Bauern, Handwerksmeistern, selbstständigen Kaufleuten und Amtsträgern. Dies führte zu einer hohen Zahl unehelicher Kinder.


*3

Auch wenn die Ehe lange nicht auf Liebe begründet war: Sexuelle Exklusivität war meist nicht gefordert. Diese war eine Forderung der Kirche („Du sollst nicht ehebrechen“), die sich nur langsam durchsetze. In einigen europäischen Gebieten war es lange Zeit Ausdruck der Gastfreundlichkeit, dem Besucher neben Obdach und Verpflegung auch die Gattin ins Bettlager zu geben. Im antiken Rom wurden die Ehefrauen unter den Bürgern gegenseitig vermietet und auch das Mätressentum des 18. Jahrhunderts ist uns in Erinnerung.


*4

Die Liebesehe existiert erst seit rund 200 Jahren und ist eine Errungenschaft des Bürgertums. Zuvor war die Zweckecke vorherrschend. Materielle Gründe, die Sicherung des Geschlechts und der Erhalt der gesellschaftlichen Stellung waren die Motive. Gefühle zwischen den Eheleuten waren eher freundschaftlicher Natur und romantische Gefühle galten als unzuverlässig und ehegefährdend.


*5

Liebe als Konsum

„Der moderne Mensch hat sich in eine Ware verwandelt; er erlebt seine Lebensenergie als Investition, mit der er entsprechend seiner Stellung und seiner Situation auf dem Personalmarkt einen möglichst hohen Profit erzielen möchte. Er ist sich selbst, seinen Mitmenschen und der Natur entfremdet. Sein Hauptziel ist, mit seinen Fertigkeiten, seinem Wissen und sich selbst, kurz mit seiner »Persönlichkeit« ein möglichst gutes Geschäft zu machen mit anderen, die genau wie er an einem fairen und gewinnbringenden Tauschhandel interessiert sind.“

Aus: Erich Fromm – Die Kunst des Liebens


*6

„Bei uns fügen sich die Frauen gemäß unserem Glauben dem Gebote Allahs und dem Worte Seines Propheten. Wer es leisten kann, darf sich vier Ehefrauen nehmen und dazu so viele Kebsweiber halten, wie er eben vermag. Diesbezüglich haben unsere Frauen kein Wort der Widerrede zu verlieren.“

Osman Ağa: Aus seinem Gespräch mit Prinzessin Lubomirska, Gattin von Fürst Sieniawski


*7

Polygynie

Nur knapp zehn Prozent der mehr als 5.000 Säugetierarten auf der Welt leben monogam. Gorillas beispielsweise sind polygyn: Hier paart sich ein Männchen mit mehreren Weibchen. Auch die menschliche Spezies ist per se polygyn. In polygynen Gesellschaften heiraten Männer mehrere Frauen. In nahezu der Hälfte aller Kulturen auf dieser Welt ist Polygynie verbreitet und akzeptiert, wie beispielsweise in Stämmen der Ureinwohner*innen Afrikas, bei Muslim*innen im Mittleren oder Nahen Osten und bei Mormon*innen im Mittleren Westen der USA. Wirklich gelebt wird sie in der Praxis aber deutlich seltener. Ist eine Frau mit mehr als einem Mann verheiratet, spricht man von Polyandrie. Die Polygynandrie bezeichnet eine Gruppenehe mit mehreren Beteiligten verschiedener Geschlechter.






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