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BEZIEHUNGSWEISEN: Mono-Poly

von Nora Brandt


Fotografie: Saule Tertelyte @tertelyte.art


Monogamie ist das Beziehungsmodell, das größtenteils angestrebt wird: Der Wunsch nach einer Partner*in, mit der man sich ein gemeinsames Leben aufbaut und bestenfalls auch den Lebensabend verbringt, steht dabei im Fokus. Es ist die Rede von festen Beziehungen, von der großen Liebe oder dem sicheren Hafen. Doch dieses Ideal ist, betrachtet man die Realität, meist genau das: ein Ideal. Vielmehr trifft man die serielle Monogamie an: exklusive Beziehungen, die sich an der Treue und Bindung auf Ewigkeit versuchen, doch irgendwann an den eigenen Erwartungen oder denen anderer Menschen scheitern. Die Beziehung geht in die Brüche und man wendet sich der nächsten Hoffnung zu. So wechselt man von zeitweiser Monogamie zu zeitweiser Monogamie, den sogenannten Lebensabschnittspartner*innen. Untreue ist nach wie vor einer der häufigsten Trennungsgründe. Was wirklich enttäuscht und verletzt ist neben der Kränkung des Selbstwerts der Vertrauensbruch und der Schmerz darüber, belogen zu werden. An sich ist gegen das Ideal nichts einzuwenden, außer die Praxis, denn an dieser scheint es oft zu scheitern und mit jedem neuen Versuch kommen neue Enttäuschungen und emotionale Blockaden hinzu. Wieso sollte man dieses Konzept also nicht einmal hinterfragen und alternative Beziehungsmodelle betrachten? Es gibt auch jene, die sich als überzeugte Singles bezeichnen und Beziehungen abgeschworen haben. Dieses Modell kann erfolgreich sein, sofern es das ist, was man möchte, doch tiefere Verbindungen und partnerschaftliche Liebe bleiben dabei unerfüllt.


Offene Beziehung: exklusive Liebe, Sex mit mehreren Partner*innen

Zwischen diesen Polen gibt es aber Alternativen, die zunehmend Akzeptanz erfahren. Mehr und mehr Menschen öffnen sich in ihren Beziehungen sexuell und/oder emotional für andere. Eine Partnerschaft, die auf körperlicher Ebene nicht exklusiv ist, wird als offene Beziehung bezeichnet. Diese Offenheit ist allerdings auf die sexuelle Offenheit beschränkt und beinhaltet emotionale Exklusivität. Man gewährt der Hauptpartner*in Sicherheit mit dem Versprechen, die emotional Einzige zu sein. Dieses Beziehungsmodell erfordert die Überwindung der Eifersucht auf die Körper anderer, doch die ihre Grundwurzel bleibt dabei unberührt: die Verlustangst. Und verlieren würde man andere dann, wenn man emotional ersetzt werde, so die verbreitete Einstellung.


Fotografie: Saule Tertelyte @tertelyte.art


Polyamorie und deren Formen

Die Polyamorie geht einen Schritt weiter und öffnet zwischenmenschliche Verbindungen auf körperlicher und emotionaler Ebene. Oftmals führen polyamor lebende Menschen mehrere Beziehungen nebeneinander. Doch auch hier gibt es unterschiedliche Formen. Es gibt die Solo-Polys, die zwar auch emotionale Beziehungen mit mehreren Menschen führen, ihr Leben aber weitgehend unabhängig gestalten. Und es gibt jene, welche neben Hauptpartner*innen auch Nebenpartner*innen haben. Man unterscheidet dabei die Hauptbeziehungsformen Primär-, Sekundär- und Tertiärbeziehungen. Bei einer Primärbeziehung gibt es eine zentrale Partner*in, mit der man sein Leben verbringt. Oft leben diese Partner*innen in einer Ehe, haben gemeinsame Kinder oder teilen sich eine gemeinsame Wohnung. Eine sekundäre Beziehung bezeichnet eine meist langjährige Partnerschaft, die nicht so verbindlich ist wie die Primärbeziehung, also meist ohne Heirat und Kinder. Als tertiäre Beziehungen bezeichnet man eher kurze Liebesaffären mit weniger tiefer Verbindung. Die Partner*innen der anderen bezeichnet man als Metamour (kurz: Meta). Neben diesen Hauptformen gibt es noch eine Vielzahl weiterer Variationen. So vielfältig wie der Name Polyamorie klingt sind auch die Varianten und Möglichkeiten, diese Beziehungsform zu leben.





Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" Spruch der 68er






Werte der Polyamorie

Gegenüber offenen und polyamoren Lebensweisen gibt es noch viel Skepsis und Vorurteile. Diese Formen von Beziehungen werden häufig mit Unverbindlichkeit, Beliebigkeit und Unbeständigkeit assoziiert. Tatsächlich gibt es keinen Grund anzunehmen, offene Beziehungen seien weniger fest, verbindlich, intim oder dauerhaft als „feste Beziehungen“. Ganz im Gegenteil: Besonders polyamore Partnerschaften verfolgen meist ein wohldefiniertes Wertesystem und erfordern ein hohes Maß an Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit. Ihre Merkmale sind Ehrlichkeit/Transparenz, Gleichberechtigung/Konsens, erotische Liebe mit mehr als einer Person über einen bestimmten Zeitraum hinweg und langfristige Orientierung.

Eine offene oder polyamore Beziehung einzugehen ist selten etwas, das aus Nachlässigkeit oder Willkür geschieht, sondern meist eine sehr bewusste Entscheidung, der eine tiefe Auseinandersetzung mit der eigenen Person und den eigenen Wünschen, Zielen, Bedürfnissen und Schwächen vorausgeht. Die Überwindung der Eifersucht beispielsweise ist und bleibt eine herausfordernde Kernaufgabe in solchen Beziehungsformen. Die Arbeit an sich selbst und die gemeinsame Arbeit an der Beziehung ist hier mindestens im selben Ausmaß erforderlich. Im Gegensatz zu diesen alternativen Beziehungsformen, für die man sich bewusst entscheidet, ist das monogame Leben nämlich oftmals nicht hinterfragt, sondern eine aus gesellschaftlichen Normen übernommene oder aus Unsicherheiten resultierende Praxis — was selbstverständlich nicht für alle monogamen Beziehungen gilt.


Die Krux des monogamen Modells

Die Ehe mitsamt ihrs Treueschwurs als Bündnis der monogamen Lebensweise wird noch häufig als Ideal und traditionelle Institution betrachtet, die sich historisch bewährt hat. Doch tatsächlich waren traditionelle Ehen meist arrangiert und zwar nach ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten. Die mit der Entstehung des Bürgertums veränderte Motivation, eine auf Freiwilligkeit beruhende Liebesehe einzugehen, war historisch betrachtet schon eine Revolution. Was sich allerdings darin vom ursprünglichen Konzept erhalten hatte, war deren Unkündbarkeit. Doch wenn eine Verbindung freiwillig aus Liebe eingegangen wird, muss demzufolge auch eine Beendigung der Beziehung mit Erlöschen der Liebe möglich sein. So wurde aus der Ehe eine paradoxe Institution. Sie postuliert Stabilität, Sicherheit und ein Zusammensein bis zum Tod und schmiedet ein unkündbares Abkommen, das auf Zwang beruht, wo Freiwilligkeit die Basis sein sollte. Diese Freiwilligkeit zweier entscheidungstragender Gegenüber sorgt auch dafür, dass viele Menschen ihren lebenslangen Pakt nicht einhalten können und die Ehen aufgelöst werden. So ist die Ehe zwar formal, nicht aber praktisch gesehen, von einer unehelichen Partnerschaft zu unterscheiden. Und wenn die Ehe eine Entscheidung aus einer freiwilligen Neigung heraus ist, so sollte sie auch den Neigungen der Eheleute Rechnung tragen. Doch Einstellungen, Vorlieben, Wünsche und Ziele formen und verändern sich bekanntlich im Laufe eines Lebens. Die Dynamik eines erfüllten Lebens steht also im Widerspruch zur Statik eines exklusiven Bundes auf Lebenszeit. Die gesellschaftliche Freiheit, die uns heute mehr denn je möglich ist, ist in unseren Liebesbeziehungen noch nicht angekommen. Auch die alte, repressive Sexualmoral ist nicht mehr zeitgemäß. Sex ist nichts Schädliches, Böses, Anrüchiges oder Negatives, solange es freiwilliger, einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen ist. Sexuelle Anziehung zu verspüren ist etwas Natürliches. Diese lebenslang nur für einen einzigen Menschen zu empfinden, wäre weitaus unnatürlicher. Sie bei mehreren Menschen zu empfinden, aber nur bei einem Menschen zuzulassen, kommt einer Unterdrückung des natürlichen Impulses gleich und man muss sich zumindest die Frage stellen, ob man bereit ist, sich dieser Unfreiheit zu unterwerfen und welche emotionalen und praktischen Folgen das mit sich bringt.


Wege des Öffnens

Es ist nicht einfach, vom etablierten Beziehungskonzept Monogamie loszukommen, denn die Normen unserer Gesellschaft prägen uns, unser Denken und insbesondere unser Fühlen tief. Schon von klein auf bekommen wir vermittelt, dass Liebe mit Treue zu tun hat, dass eine lebenslange Bindung anzustreben ist, dass Eifersucht eine legitime emotionale Reaktion ist.

In (nahezu) jedem Menschen ist der Wunsch geliebt zu werden von der ersten Sekunde seines Daseins vorhanden. Wie diese Liebe allerdings auszusehen hat, lebt das Umfeld vor. Wir lieben, wie wir essen und trinken — aus Notwendigkeit und automatisch. Doch ebenso wie es wichtig ist, seine Ernährung bewusst zu gestalten, so ist es auch unabdingbar, das eigene Lieben zum Zentrum des Denkens und der Lebensgestaltung zu machen und es von Grund auf zu reflektieren und lebenslänglich weiterzuentwickeln. Um vom Vorgelebten Abstand zu nehmen, benötigt man zunächst das eigenständige Nachdenken über die Welt. Und so beginnt auch der Weg aus einer monogamen Lebensform mit dem Ändern des Denkens und der bewussten geistigen Positionierung des Selbst. Zudem gehen Denken und Fühlen Hand in Hand. Ändert sich das gedankliche Ideal, wird es zum angestrebten emotionalen Zustand und manifestiert sich letztlich im Verhalten. Um in Kontakt zu den eigenen Gefühlen treten zu können, benötigt es das Denken. Wenn also rational beschlossen wird, dass Freiheiten auch in der Liebe gelebt werden sollen, dass diese Freiheiten auch der Partner*in gegenüber zugestanden werden sollen, dass Liebe etwas ist, das frei von Besitzanspruch ist, dass einem nichts weggenommen wird, wenn die Liebe der Geliebten auch anderen zuteil wird, dass ein Mehr an Liebe immer ein Mehr an Liebe bedeutet und damit grundsätzlich nur etwas Gutes sein kann, der wird zumindest die Werte offener Beziehungen teilen. Folgt daraufhin die Entscheidung, die Liebe diesen Werten entsprechend gestalten zu wollen, beginnt die Arbeit an der Überschreibung übernommener und verinnerlichter Einstellungen, Ängste und Vorurteile. Ein zentrales Thema dabei ist die Bewältigung der Eifersucht.



Wenn es der Reflexion bedarf, um die eigenen Gefühle zu ändern, dann folgt daraus, dass in Beziehungen, in denen das Denken und Fühlen mehr als zweier Menschen eine Rolle spielen, die Reflexion in Kommunikation stattfinden muss. Denn genau das ist Kommunikation: gemeinsame Reflexion. Und gelungene Kommunikation setzt Offenheit und Transparenz voraus. Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber ist das hilfreichste Werkzeug und die Basis offener und polyamorer Beziehungen. Dazu gehört auch, sich selbst und dem Gegenüber Ängste, eigene Blockaden und Unsicherheiten einzugestehen und diese mitzuteilen. Es geht nicht darum, einen Schein aufrechtzuerhalten, sondern darum, gemeinsames Sein zu gewährleisten. Dies alles ist nichts, was von heute auf morgen erlernt werden kann, sondern ein konstanter Prozess voller Rückschläge und Erfolge.


Fotografie: Saule Tertelyte @tertelyte.art




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