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  • AutorenbildNora Brandt

EHRLICHKEIT: die Liebe zur Klarheit

von Maik Gerecke


Foto: Saule Tertelyte


Als ich zum ersten Mal davon las, dass vor etwa 2500 Jahren ein Kerl namens Sokrates regelmäßig über den Athener Marktplatz lief, um den Leuten zu erklären, dass ihre tiefsten Überzeugungen falsch sind, war ich schwer beeindruckt. Durch logisches Argumentieren zog dieser Mann den Athenern all die Widersprüche aus der Nase, die sich in ihren Weltbildern gesammelt hatten und zwang ihnen das schmerzliche Eingeständnis ab, im Grunde nicht mehr zu wissen als er – nämlich nichts. Bis auf eine Ausnahme: Was er sicher wisse, sei allein die Tatsache, dass er nichts sicher wisse.

Auf dieser Grundlage verbreitete Sokrates eine kritische Art zu denken und sich zu reflektieren, die sogar die damalige Politik in solche Bedrängnis brachte, dass der attische Gerichtshof ihn gegen Ende seines Lebens anklagte, der Jugend Flausen in den Kopf zu setzen. Im Prozess wich Sokrates keinen Millimeter von seiner Position ab, bis man ihn vor die Wahl stellte: Nimm alles zurück oder wir verurteilen dich zum Tode. Er wählte letzteres, wovon niemand ihn abbringen konnte. Auch sein Schüler Platon nicht, durch den dieser Gerichtsprozess überliefert wurde. Die Ehrlichkeit, selbst solche Dinge frei äußern zu dürfen, von denen er nicht mal sicher wusste, ob sie der Wahrheit entsprechen, war ihm offenbar mehr wert als das eigene Leben. Sogar die Angebote seiner Vertrauten, ihn außer Landes zu schmuggeln, lehnte er dankend ab.

Dieses kleine Stück europäischer Geistesgeschichte hat mich nachhaltig geprägt. Etwas in mir räsonierte so stark auf diese Zeilen, dass ich es heute noch spüren kann. Nicht nur, dass ich sofort mit auf den Zug der Wahrheitssuche sprang, auch mein Umgang mit Menschen schlug einen ganz neuen Kurs ein. Das ganz „normale“ Glück, das mir bis heute aus aller Munde und von jedem Bildschirm her entgegenfliegt, verlor jeden Reiz für mich. Und ich hatte endlich eine Ahnung davon, warum ich mich in meinen zwischenmenschlichen und vor allem in meinen intimen Beziehungen so gelangweilt und einsam gefühlt hatte.

Sokrates hatte meine Vorstellungen von Liebe, Glück und „guten Partnerinnen“ in der Luft zerrissen. Was blieb, war eine tiefe Sehnsucht nach der Wahrheit, die ich in dieser Intensität bisher nicht erfahren hatte. Mein bisheriges Sozial- und Liebesleben wurde als Theaterspiel entlarvt, das Weiß-Gott-wer geschrieben hatte und mich zudem noch Rollen spielen ließ, an denen ich jedes noch so kleine Interesse verlor. Ich wollte hinter den Vorhang. Raus aus der Scheinheiligkeit des alltäglichen Tuns und Treibens. Was ich dahinter finden würde, spielte keine große Rolle. Hauptsache es war „wahr“. Wahre Gedanken, Empfindungen, Gestiken, Wünsche, Körper. Ich wollte meinen ungefilterten Willen ungehemmt andere berühren lassen und diese unerträgliche Hürde überwinden, die zwischen den Menschen klafft. Ohne Theater und moralischen Etikettenschwindel. Einem Menschen wirklich zu begegnen, war das neue Ziel meiner zwischenmenschlichen Bemühungen. Alles andere war pure Zeitverschwendung.


Der Tod des Sokrates (Quelle: Wix)

Die never ending Suche nach der Wahrheit

Die Ziele hätten höher nicht gesteckt sein können. Praktischerweise ist die Philosophie voll von Ratschlägen in der Form: „Fang am besten bei dir selbst an“. Und wenn ich das tat, merkte ich tatsächlich, dass es mich schwer beeindruckte, wie innig die Beziehung dieser längst verstorbenen Denker zu dem war, was sie Wahrheit nannten. Dafür fielen sie immer wieder bereitwillig aus der Rolle, die ihre Mitmenschen für sie vorsahen, nahmen Diskreditierung, Einsamkeit, Vertreibung oder Tod auf sich. Voltaire, um nur ein Beispiel zu nennen, wanderte für seine geflügelte Zunge mehrfach in die Bastille und floh von einem Land ins nächste.

Ich empfand ein tiefes Vertrauen in diese fremden Menschen, fühlte mich ihnen verbunden und das war ein ziemlich guter Anhaltspunkt für meine Suche nach der Welt hinter dem Vorhang. Wenn auch ich so ehrlich und unmittelbar mit allem war, was mich ausmachte, vielleicht würde ich andere finden, die sich ebenfalls nach echten Begegnungen sehnten. Fragte sich nur: Was macht mich denn aus? Wer bin ich? Außerdem hatte ich gerade frisch die Bühne des alltäglichen Unsinns verlassen, um nochmal ganz von vorne anzufangen. Musste ich jetzt warten, bis ich im Klaren mit mir war, bevor ich auch nur irgendwem begegnen konnte?

Erleichternder Weise findet sich in der gesamten Geistesgeschichte unserer Spezies nirgendwo so etwas wie eine sichere Antwort auf die Frage nach der höchsten, letzten Wahrheit. Vielmehr ist sie eine Ansammlung von Hinweisen, was der Fall sein könnte. Nach Jahrtausenden des Suchens und Forschens deutet sogar alles darauf hin, dass die Wahrheit selbst eine Erfindung unseres bescheidenen Verstandes ist, die wir benötigen, um den Dingen um uns herum Sinn zu geben. Eine „Theorie von allem“, der die klassische Philosophie noch unbedingt auf die Schliche kommen wollte, ist heute bis in die exakten Wissenschaften hinein als sinnlos verschrien. Wahrheit ist nurmehr ein logisches Werkzeug, mit dem unser Verstand Theorien aus Begriffen bastelt, durch die ein bisschen Klarheit in das Durcheinander kommt. Unser Wissen ist eine Ansammlung zahlloser individueller Collagen aus Sinneseindrücken, die von Verstand und Sprache zusammengehalten werden. Sogar das Wissen über uns selbst schließt das mit ein.

Friedrich Nietzsche schließlich demontierte diese Vorstellung und argumentierte vehement dagegen. Er verstand die Wahrhaftigkeit als eine Illusion, die unsere Sprache uns vormacht. Mehr als Metaphern habe sie nicht zu bieten, weshalb wir stattdessen nützliche Konventionen zum gemeinsamen Lügen aufstellen sollten. Für den Wunsch nach echten Begegnungen wirkt diese Einsicht auf den ersten Blick ziemlich ernüchternd. Aber eben nur auf den ersten.


Das ewige Theater

Die Welt ist also ein einziges Rätsel. An allem – und jedem – klebt ein Fragezeichen, wenn du nur lange genug draufschaust. Wir können noch so innig denken und suchen, offene Fragen wird es in diesem Dasein immer geben. Wer darauf wartet, dass die Verunsicherung jemals ganz verstummt, wird niemals irgendetwas beginnen.

Vielleicht ist dieser schier unüberwindbare Berg an Unsicherheit ein Grund, weshalb so viele Menschen den Weg der vorgefertigten Beziehungsformen wählen. Sie überspringen die Fragen über sich selbst und den Menschen im Allgemeinen einfach. An die Stelle der Antworten treten Konzepte und Konventionen, die heute als „normal“ gelten und für „gut“ befunden werden, weil sie sich über Jahrhunderte vermeintlich bewährt haben: Freundschaft, romantische Liebe, sexuelle Treue, Ehe … auf den ersten Blick wirkt es sehr lukrativ, die innere Sehnsucht in eine Form zu pressen, die bereits vorhanden ist, nicht zuletzt, weil die Sehnsucht mit einer gewissen Ungeduld einhergeht. Nicht selten endet das jedoch in einem ziemlichen Desaster.

Das Problem mit gängigen Beziehungsformen ist, dass sie ein Narrativ zum Fundament haben. Boy meets girl, der heilige Stand der Hetero-Ehe, die romantische Zweierbeziehung, ewige Treue, der beste Freund. Zwar lassen einige Narrative mitunter Raum für eigene Ausgestaltung und Anpassung, aber leider nur bis zu einem gewissen Grad. Das gleiche gilt für die Rollen, die sie mitbringen, und die wir einnehmen sollen.

Wenn so ein Narrativ nun nicht exakt auf unsere Gefühle, Neigungen, Wünsche und was uns sonst ausmacht, abgestimmt ist, spielen wir im schlimmsten Fall also eine Rolle, die nichts mit uns zu hat. Ein Wunsch nach Nähe oder einer tiefen Begegnung endet in Bemühungen, eine gute Partnerin, ein bester Freund oder perfekter Ehemann zu sein. Statt an uns selbst und unserer Begegnung arbeiten wir an der Inszenierung eines Narratives. Unsere Beziehung wird zur Fiktion. Wir spielen Theater. Nietzsche hätte darin vermutlich eine erfolgreiche Umsetzung seiner Konventionen zum gemeinsamen Lügen gesehen.

Ich will nicht ausschließen, dass solche Formen des Zusammenlebens Menschen glücklich machen können. Aber verspielt man damit eine Chance? Ich für meinen Teil finde mich in diesen Formen nicht wieder, deswegen kann ich auch nicht ausschließen, dass es dort draußen Menschen gibt, die sich in ihren Begegnungen verloren fühlen. Die nicht finden, was sie suchen, und sich selbst dafür die Schuld geben. Im schlimmsten Fall halten sie sich selbst für nicht gut, schön, klug oder sogar liebenswert genug.

Ich glaube, die Ehrlichkeit ist ein Ausweg aus dieser Misere. Jede Beziehung ist notwendigerweise eine Narration. Es ist die Geschichte, die Menschen von sich, einander und ihrer Begegnung erzählen. Wir haben leider keine Wahl, als Rollen füreinander zu spielen. Durch Sprache und Wahrnehmung müssen wir Brücken zwischen unseren Gefühlen, unserem Denken und Wollen schlagen, die uns einander zugänglich machen. Ein Theater wird das menschliche Miteinander deshalb immer bleiben, aber mit dem Wissen darum, können wir uns die Freiheit erlauben, unsere Rollen und Geschichten darin selbst zu schreiben und genau das zu sein oder zu werden, was wir wollen.

Öffnen wir den Vorhang zugunsten einer freiheitlichen Zwischenmenschlichkeit? (Quelle Wix)


Ehrlichkeit um jeden Preis

Was klassische Theaterbeziehungen in vielen Hinsichten versuchen, ist die eigene Freiheit und die Freiheit des Gegenübers zu Gunsten des eigenen Sicherheitsbedürfnisses zu beschränken. Der Angst, jemanden zu verlieren, begegnen viele zum Beispiel damit, sich selbst und der geliebten Person die sexuelle Treue abzuverlangen. Ich persönlich empfinde diese Forderung sogar auf Basis von Einvernehmlichkeit als ziemlich verwerflich. Im Treuemodell ist es meist sogar in Ordnung, wenn eine Person den Wunsch verspürt mit einer weiteren Person zu schlafen, solange sie diesem Wunsch nicht nachgeht. Die Rolle verbietet und unterdrückt somit die Auslebung dieses Teils einer Person und gleichzeitig jede mögliche Entwicklung, die damit einhergeht. Dadurch entsteht ein fragwürdiges Machtverhältnis, in dem sich ein Bedürfnis über ein anderes erhebt; begünstigt durch das Narrativ der Beziehungsform.

In einer ehrlichen Beziehung, welche Gestalt auch immer sie annimmt, sind solche Kontrollausübungen kategorisch ausgeschlossen. Denn ein Miteinander, das ehrliche Neigungen unterdrückt, steht mit einem Fuß bereits in der Unehrlichkeit. Genau hier scheint auch die Grenze zur Theaterbeziehung zu liegen.

In einer ehrlichen Beziehung muss ich damit leben können, dass meine Partner*innen nicht alle meine Erwartungen oder Wünsche erfüllen. Alles, was wir miteinander tun, geschieht ausnahmslos auf der Grundlage absoluter Einvernehmlichkeit. Das birgt das Risiko, dass ich von jemandem nicht immer bekomme, was ich will. Aber ich denke, dieser Preis ist die Freiheit und die persönliche Entwicklung eines anderen Menschen wert. Was wäre das für eine merkwürdige Liebe, wenn sie die Forderung beinhaltet, dass eine geliebte Person sich genau so verhält, wie es mir passt, auch wenn sie es eigentlich nicht will? Hier haben wir es vielmehr mit einer „Machtausübung“ zu tun und traurigerweise scheinen viele Menschen Liebe eben damit zu verwechseln.

Die ehrliche Beziehung versucht nicht, Unsicherheiten aus der Welt zu schaffen, sondern verlagert sie stattdessen zurück in den Verantwortungsbereich der Individuen. Sie legt keine Fiktionen an die Basis eines Miteinanders oder der Kommunikation, sondern ausschließlich das Rohmaterial aus unmittelbaren Empfindungen, Willensakten und was sonst aus ihr spricht. Sie braucht Ehrlichkeit um jeden Preis. Und auf allen Ebenen. Machtstrukturen haben keinen Platz in ihr.


Klarheit und nichts als die Klarheit

Leider löst das nicht unser Problem mit der Wahrheit. Sogar über uns selbst können wir ja im Irrtum sein, uns kontinuierlich neu erfahren, verstehen und erfinden. Gefühle ändern sich oft mit der Zeit, wie soll ich da ehrlich mit mir selbst und gegenüber anderen bleiben? Und wie kann ich vor allem jemals darin vertrauen, dass mein Gegenüber ehrlich mit sich selbst ist?

In der Geschichte der Philosophie sieht man eine deutliche Entwicklung weg von der klassischen Wahrheitsvorstellung. Die absolute Wahrheit wurde sozusagen der Religion zurückgegeben und an ihre Stelle ist langsam ein eher relativistischer Ansatz getreten, wie auch die exakten Wissenschaften ihn verwenden. Luc de Clapiers sagt: „Klarheit ist die Ehrlichkeit der Philosophie“. Warum sollte das nicht auch für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen gelten?

Wer ehrlich ist, verfolgt nicht den Anspruch, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit über sich zu erzählen, denn von der wissen wir genau genommen wenig. Es geht vielmehr darum, Bemühungen, Gedanken, Gefühle und den eigenen Willen in höchstmöglicher Klarheit zu kommunizieren. Vor sich und vor anderen. Selbst wenn ich die Absicht habe, jemandem eine Empfindung unmissverständlich mitzuteilen, heißt das noch nicht, dass diese Information vom Gegenüber automatisch verstanden wird. Unklarheiten sind vermutlich die größte Problemquelle in jeder nur denkbaren Beziehung. Auch die ehrliche Beziehung ist nicht davor gefeit. Die vollkommene Bereitschaft, ehrlich zu sein, ist kein Garant dafür, dass zwei Menschen sich verstehen. Deshalb besteht der Brückenbau in der ehrlichen Beziehung darin, Klarheit auf allen Ebenen zu schaffen.

Ein Gefühl, das heute aktuell ist, kann morgen wieder verflogen sein. Das Leben versorgt uns ständig mit neuen Reizen und Erfahrungen, woraus Ideen und Bedürfnisse entstehen, die unvorhersehbar sind. Über solche Wandlungen kann ich nichts wissen, wenn ich diese Person nicht bin. Und daher ist klare, unmissverständliche Kommunikation der Grundstein eines jeden Miteinanders. Egal in welchem Modell.

Ich für meinen Teil musste lernen, dass es nicht reicht, sein Herz auf der Zunge zu tragen. Klare Kommunikation ist eine schwere Aufgabe, die nicht immer gelingt. Trotzdem glaube ich, dass der Versuch, sie durch ein Theaterspiel zu ersetzen, uns eher vor Begegnungen bewahrt, deren Tiefe und Schönheit wir eventuell gar nicht begreifen können. Weil wir uns durch eine Flucht in Konventionen die Chance vermasseln, sie wirklich geschehen zu lassen.


Maik Gerecke hat Philosophie studiert und lebt heute als aromantischer Solo-Poly in Berlin. Er schreibt meistens Prosa, manchmal Essays und redet in seinem Podcast transphilosophisch alle zwei Wochen über queere, alltägliche und philosophische Themen. Sein jüngstes Buch heißt Feßmann.

@markmegatron

@transphilosophisch


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