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POLY-FORSCHUNG: Interview mit Polyforscher Dr. Stefan F. Ossmann

Aktualisiert: 21. Okt. 2022

von Nora Brandt


Dr. Stefan F. Ossmann gibt im Interview Einblicke in die Wissenschaft der Poly-Forschung. Er skizziert die Entwicklung, Verbreitung und (gesellschaftliche und rechtliche) Perspektive des Beziehungsmodells Polyamorie. Dabei geht er auch auf die Monogamie ein und beleuchtet anhand der Evolutionsforschung, ob der Mensch nun eigentlich polygam oder monogam veranlagt ist.


Stefan F. Ossmann bei einem Vortrag (Bild von Stefan F. Ossmann)

Stefan F. Ossmann hat mit 28 Lebensjahren zu studieren begonnen und Internationale Entwicklung sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien abgeschlossen. Danach begann er sich wissenschaftlich für Liebe und Sexualität zu interessieren und verteidigte im März 2022 seine Dissertation zum Thema Polyamorie, die nach einigen gescheiterten Anläufen im Rahmen eines FWF-Projektes finanziert wurde. Alle Details unter https://polyamorie.univie.ac.at/


Was sind die Merkmale der „Polyamorie“?

Es gibt noch keine einheitliche Definition. Unterschiedliche Wissenschaftsrichtungen haben verschiedene Zugänge. Manche sind mehr auf Sexualität spezialisiert, andere mehr auf den emotionalen Aspekt. Ich definiere sie als eine konzentrale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum. Also: mehr als zwei, Konsens aller Beteiligten, Emotion Liebe und intime Praktiken (nicht zwangsläufig Sexualität), Dauer.


Inwiefern unterscheidet sie sich von anderen Beziehungsformen, beispielsweise der Monogamie, Polygamie, freien Liebe oder der Beziehungsanarchie?

Freie Liebe ist ein Schlagwort der 68er-Generation und beinhaltet keine Verantwortung. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ ist Polyamorie definitiv nicht. Sexuelle Monogamie, also Sex mit nur einer Person, gibt es in der Polyamorie nicht. Bei der offenen Beziehung ist es immer eine Verhandlungssache, was offen bedeutet: von Küssen ist erlaubt, über Oralverkehr ist erlaubt, bis hin zu Sexualität ist erlaubt. Es geht auch darum, wie sie praktiziert wird, beispielsweise die Verhütung, der Ort etc. Beziehungsanarchie (relationship anarchy) ist eigentlich the new big thing, was als nächstes kommen wird: keine Hierarchisierung zwischen den Beziehungen, jede Person ist im Moment die wichtigste. Wohingegen es in einer Polybeziehung eine ganz klare Einteilung gibt in Primär-, Sekundär- und Tertiärbeziehung.


Ist Polyamorie ein relativ junges Liebesmodell?

Das Prinzip ist ein älteres. In der Form, wie sie jetzt gelebt wird, taucht sie Mitte der Neunziger Jahre auf. Das bedeutet: Alle Personen sind informiert, man besucht die gegenseitigen Schwiegereltern, wenn man es ganz ernst nimmt, man überlegt sich eine rechtliche Absicherung für potentielle gemeinsame Kinder... Das taucht Anfang, Mitte der Neunziger auf und im deutschen Sprachraum erstmalig 2007. Also in der Form, wie sie definiert wird, ja. Man kann rückblickend Beziehungen als poly lesen oder definieren.


Die Ursprünge sind also älter, die Definition des Gegenstandes ist eine jüngere. Wie hat sich die Polyamorie historisch und gesellschaftlich entwickelt? Das heißt: Was waren die grundlegenden Bahnen polyamorer Lebensformen, bzw. welche möglichen kulturellen Einflüsse spielten da mit hinein?

Generell sprechen wir hier von einer westlichen Herangehensweise und von einem westlichen Prinzip. Deswegen lässt sie sich auch nicht vergleichen mit der Polygamie oder mit der Polygynie islamischer Konzepte, weil die Ideen, was Hierarchien angeht, dort ganz andere sind. Die Medienforschung hat gezeigt, dass es kein Schlüsselereignis gab, das die Polyamorie groß gemacht hat. Wie entwickelt sie sich? Durch die mediale Aufmerksamkeit bekommen es Personen mit, outen sich, dadurch kommt es wieder mehr in den Medien zum Vorschein: Es ist eine konstante Aufwärtsspirale. In der Wissenschaft geschah dies 2006 mit einem Special Issue zum Thema Polyamory im Sage-Sexuality-Heft: Von da an ging es bergauf. Gesellschaftlich ist das auch ein kontinuierlicher Prozess. Was es noch nicht gibt ist die rechtliche Anerkennung von Poly-Personen und das wird auch noch eine Weile dauern.


Wie sieht es mit Polyamorie in anderen Kulturen aus? Gibt es da ähnliche Formen?

Das westliche Prinzip von rechtlicher Anerkennung, von der Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe, von der Möglichkeit, Kinder zu adoptieren ist keines, das man über die ganze Welt darüberstülpen kann. Das funktioniert in ganz vielen Ländern dieser Welt so nicht. Wenn du Poly als etwas Queeres verstehst, das sich aus der LGBTQAI-Community entwickelt hat, kannst du das Konzept auch oft nicht mit dem in ganz vielen Ländern dieser Welt vergleichen, weil es dort keine rechtliche Absicherung von gleichgeschlechtlichen Menschen gibt. Es wäre auch kulturimperialistisch mit dem westlichen Poly-Modell herzugehen und zu sagen: ‚Beziehungsmodelle in Sierra Leona basieren darauf, Maori-Beziehungs-Konstrukte in Neuseeland oder irgendwelche Beziehungssysteme in den Anden würden so funktionieren.‘ Ich glaube, das können wir uns nicht erlauben.


In unserer Kultur ist die Monogamie ja noch das vorherrschende Beziehungskonzept. Warum lieben wir so, wie wir lieben? Was sagt die Evolutionsforschung dazu? Was die Sozialwissenschaft?

Die Evolutionsforschung ist da recht eindeutig: Menschen sind nicht für Monogamie geschaffen. Monogamie ist ein gesellschaftliches Konstrukt, ein rechtliches Konstrukt, ein soziales Konstrukt. Es hat sich entwickelt in der „Romantik“, also um 1850 herum, wo das Dreieck zwischen „Liebe“ (die Emotion), „Ehe“ (die rechtliche Absicherung) und „Sexualität“ als neues Beziehungskonzept verstanden wurde. Vorher war es viel bunter und Sexualität, Liebe und rechtliche Absicherung waren deutlicher voneinander getrennt. In der Sozialwissenschaft ist Monogamie das gängigste Modell. Warum? Weil auch um dich herum die Welt nicht mehr so ist, wie sie früher war: Deine Eltern haben wahrscheinlich einen einzigen Job gehabt, den sie ihr Leben lang gemacht haben, sie hatten damit ein sicheres Einkommen und waren in der Lage, sich ein Eigenheim zu leisten. Die Verhältnisse waren relativ stabil. Nun sieh dir deine Biografie an: prekär, akademisch, mit einem Einkommen, mit dem du nicht die Möglichkeit hast, dir in Berlin eine Wohnung zu kaufen. Die Welt um dich herum zerbricht. Woran kannst du dich noch festhalten? An einer stabilen Zweierbeziehung. Egal, ob sie gleichgeschlechtlich oder zwischengeschlechtlich ist. So, jetzt kommt jemand her und nimmt das Ding auch noch weg. Das ist eine Bedrohung. Das ist eine der letzten Säulen, an denen du dich orientieren kannst. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite, gerade in linken Kreisen: Man muss ja anders sein, man muss ja alles ausprobieren, man muss ein Peugeot-Rennrad aus den Achtzigerjahren fahren, eine Stofftasche anstelle von Plastiktüten tragen, man muss sich vegan ernähren und im Zuge dessen stellt man auch das Beziehungskonstrukt infrage. Das ist zwar alles ganz toll, aber es ist auch ein bisschen ein neoliberales Optimierungsmodell: Du hast eine Beziehung, sie ist eh zu 80-95 Prozent toll, einerseits wollen wir uns nicht verpflichten und andererseits könnte da noch ein bisschen mehr gehen. Und das ist hervorragend, dann auf Probe eine neue Beziehung hinzuzuholen und zu sehen, wie es funktioniert. Also gibt es eine ganze Range und wie Poly verstanden wird und was es ist, verändert sich auch mit den Lebensjahren. Poly für die Generation 18-30 ist ein anderes Poly als das der Generation 30-40, wo man Familiengründung in Erwägung zieht und sich die „echten Polys“ von den „Ich-probiere-mich-halt-aus-Polys“ unterscheiden. Nochmal eine andere Geschichte ist es zwischen 40-50, wo die meisten dann geschieden sind und man überlegt, wie man mit pubertierenden Teenagern zurechtkommt. Nochmal anders ist die Gruppe 60+, wo es dann um Dinge geht wie Leben im Alter, Care, aufeinander aufpassen und Sexualität kein so großes Thema mehr ist, sondern sich primär die Frage stellt: „Wie wollen wir in Würde altern?“ Jedes Poly ist anders. Das Einkommen macht einen Unterschied, Bildung macht einen Unterschied, die Lebensziele... Es ist kein Poly wie das andere.“


Artwork von @nka.arte


Das bringt mich zu der ganz konkreten Frage: Gibt es da Korrelationen von Poly zu Geschlecht, Bildungsstand, Alter und Umfeld?

Wir haben ganz wenig demographische Daten. Die, die wir haben, sind aus dem angloamerikanischen Raum und die sind nur bedingt auf den deutschsprachigen Raum umzulegen. Ob jemand Hispanic ist oder Afroamerican spielt für Deutschland und Österreich keine Rolle. Interessant für uns ist beispielsweise die Religionszugehörigkeit. Amerikanische Quellen sagen, es ist ein „white, upper class, educated phenomenon“. Das ist es auch, das ist aber auch dem geschuldet, wie wir Wissenschaftler*innen aus allen Disziplinen die Menschen finden. Onlineumfragen finden im Internet statt. Das setzt voraus, dass du einen Computer hast und diesen sinnerfassend bedienen kannst, dass du die Zeit hast, dich damit auseinanderzusetzen. Es setzt voraus, Beziehungen überhaupt diskutieren zu können, andere Optionen besprechen zu können. Es setzt einen finanziellen Background voraus, nicht gemeinsam leben zu müssen, weil du dir getrennt wohnen leisten kannst – was die praktische Führung einer Polybeziehung einfacher macht. Es ist ein wenig wie bei der Homosexualität. Gibt es mehr, weniger oder gleich viel schwule Männer in Berlin, in Stockholm, in Ouagadougou und in Riad in Saudi-Arabien? Nein, meine Ansicht. Aber ob du in einem Land heiraten kannst, wie in Schweden, eine eingetragene Partnerschaft hast, wie in Österreich, von der Gesellschaft verprügelt wirst wie in Burkina Faso oder ins nationale Fußballstadion gezerrt wirst, bis zum Hals eingegraben wirst und dann gesteinigt wirst, weil du schwul bist, macht einen Unterschied dafür, ob du schwul praktizierst. In dem Hinblick glaube ich, dass es keinen Unterschied gibt von Poly, dass es gleich viele Personen sind quer durch alle Einkommensklassen und Sozialschichten, dass es aber nicht alle Schichten praktizieren und leben und sich auch outen können, denn auch da gibt es einen Gap zwischen denen, die sich outen und denen, die sich nicht outen aber es geheim leben.


Du hast eben die Schwierigkeit erklärt, valide demographische Daten zu erfassen, aber gibt es denn konkrete Zahlen dazu, wie verbreitet das Liebesmodell in der westlichen Welt, in Europa, in Deutschland ist?

Nein. Alle Zahlen, die wir haben, alle Zahlen, die du lesen wirst, alle Zahlen, auf die sich Sozialwissenschaftler*innen beziehen, sind Schätzungen. Es gibt in keinem Land dieser Welt eine repräsentative Stichprobe von Personen. Es hat noch nie jemand Fragebögen ausgeteilt und Poly als Beziehungsmodell erhoben. Alles was wir haben sind Schätzungen. Schätzungen sind unseriös – andererseits ist es das Beste, was wir haben. Deswegen gebe ich meine persönliche Schätzung mit dazu mit dem absoluten Hinweis einer Schätzung. Ich glaube, dass es in westlichen Ländern bis zu 5% der Bevölkerung sind, die poly empfinden, 0,5% der Bevölkerung, die Poly heimlich praktizieren und 0,05% der Bevölkerung, die geoutet poly leben. Mit der letzten Gruppe steigend, weil es mit zunehmender medialer Aufmerksamkeit, zunehmendem Verständnis und zunehmenden Testimonials leichter ist, sich jetzt auch als Poly zu outen.


Das heißt, die relativ hohe Dunkelziffer kommt auch aufgrund fehlender Akzeptanz zustande. Das führt mich zu der Frage, wie akzeptiert die Polyamorie ist. Auf welche gesellschaftlichen Vorurteile stoßen Polyamore und auf welche rechtlichen Hürden? Gibt es da auch geschlechterspezifische Unterschiede?

Gesellschaftlich gestaltet sich das quer durch die Bank: von Akzeptanz, über Ablehnung bis hin zur Ablehnung selbst aus der schwul-lesbischen Community. Es gibt auch Leute, die unter dem Regenbogen leben und Poly definitiv ablehnen. Was das Geschlecht betrifft konnte ich in meinen Interviews aus der persönlichen Wahrnehmung der Befragten das Klischee „Mann mit vielen Frauen Casanova, Frau mit vielen Männern Schlampe“ nicht verifizieren. Das Sample war ein kleines, aber dem war in meiner Stichprobe nicht so. Es gibt auch keine Studien, wo das Umfeld der poly-lebenden Personen befragt wurde. Rechtlich gesehen: Es gibt keine rechtliche Anerkennung von Mehrfachbeziehungen. Meine Einschätzung ist, dass es die auch ganz lange nicht geben wird, weil die komplette Rechtsprechung umgeschrieben werden muss. Von „hetero“ auf „homo“ bleibt alles gleich. Du veränderst nur die Artikel. Bei drei oder mehr Partner*innen musst du definieren: Bei welcher Anzahl ist das Limit? Wie teilst du das Erbrecht neu auf? Wie mitversicherst du Leute? Wie regelst du das Sorgerecht? Und was machst du, wenn sich in einer stabilen Dreierbeziehung zwei scheiden lassen, die anderen beiden aber nicht?


Verstehe ich das richtig: Selbst wenn wir an den Punkt kommen, an dem alternative Beziehungskonzepte gesellschaftliche Akzeptanz finden, hältst du die rechtliche Gleichstellung für ausgeschlossen?

Ich glaube, dass eine rechtliche Gleichstellung sehr, sehr lange dauern wird, weil es keine ideologische Sache ist. Man muss komplett alle Sozialversicherungsträger*innen neu durchrechnen, du musst das Pensionssystem neu berechnen. Wenn du verheiratet bist und stirbst dann bekommt deine Ehefrau oder dein Ehemann einen Teil deiner Pension. Aber was, wenn du mit zwei Personen verheiratet bist? Was, wenn man sich scheiden lässt? Da stehen ganz viele Dinge abseits der Liebesseite.



Artwork von @nka.arte


Du hast dargestellt, aus welchen Gründen sich Polyamorie noch nicht durchsetzen kann. Dennoch erfährt die Thematik in jüngster Zeit vermehrte Aufmerksamkeit. Worin liegt die zunehmende Relevanz alternativer Beziehungsformen begründet?

Weil Beziehungsverhandeln kein Tabu mehr ist. So wie man sich mit Einkommensmodellen oder Ernährung beschäftigt, ist es auch kein Tabu mehr, Beziehungskonzepte zu hinterfragen. Corona hat da auch einen Beitrag geleistet. Da werden wir noch viele Folgen der Epidemie und des Lockdowns sehen, die auch auf Beziehungen Einfluss haben. Es ist möglich, jetzt auch Beziehungen zu definieren und zu verändern.


Liegt es auch daran, dass konventionelle Beziehungskonzepte eine gewisse Hinterfragung erfahren, wenn man beispielsweise die Scheidungsrate betrachtet oder die veränderten Lebensumstände?

Eine hohe Scheidungsrate hatte man schon in den letzten Jahrzehnten. Es tragen viele Faktoren dazu bei, da bin ich auch nicht der ganz große Experte, aber ja: Gesellschaft verändert sich an allen Ecken und Enden und damit halt auch Beziehungsmodelle. Wobei es auch etwas mit der Medienlogik zusammenhängt und mit dem eigenen Wahrnehmungsfilter.


Dann noch einmal ganz konkret die Frage: Erachtet die Gesellschaft die Monogamie als nicht mehr zulänglich?

Dazu müsste man die Gesellschaft befragen. Die Monogamie hat nicht ausgedient. Die Monogamie liefert Stabilität.


Was sind die Gründe, dass viele Menschen zögern, sich der Polyamorie zu öffnen?

Verlustangst, es nimmt dir Stabilität weg und du weißt nicht, wie es ausgeht. Jede Beziehungsöffnung beinhaltet die Gefahr, dass die Beziehung in die Brüche geht.


Aber nicht nur Gefahr, sondern auch Chance. Worin liegen denn die Chancen polyamoren Zusammenlebens?

Genau dort: Freude, Spaß, Erfüllung, Heiterkeit, das Leben, das man sich immer gewünscht hat.


Das wären jetzt aber die Dinge, die man oberflächlich als Hedonismus bezeichnen würde.

Es kann genauso tief sein. Es kann darin die Erfüllung deines emotionalen Bedürfnisses, von mehreren Menschen geliebt zu werden, stecken. Es kann darin die Freude stecken, nicht für deine Partner*innen alleinverantwortlich zu sein. Sie können sich das, was dich nicht interessiert, bei einer anderen Person holen, ohne dass du ein schlechtes Gewissen haben musst.


Haben polyamore Beziehungen auch ein anderes Kommunikationsverhalten als konventionelle?

Definitiv, denn das knappe Gut ist nicht mehr Liebe und nicht mehr Sexualität. Das hast du in polyamorösen Beziehungen zuhauf. Das knappe Gut wird ja Aufmerksamkeit. Das ist wie mit jüngeren Geschwistern: Am Anfang war alles deins und dann kommt jemand Neues dazu und nimmt die Aufmerksamkeit weg. So ist das in Poly-Beziehungen, wenn du eine Beziehung öffnest und jemand Neues dazukommt.


Du sprichst gerade eine ganz besondere Form der Eifersucht an. Und zwar nicht die, welche sich später gesellschaftlich entwickelt hat, sondern die evolutionsbiologisch in uns liegende Eifersucht. Die, welche daher rührt, dass wir uns bedroht fühlen, wenn uns etwas weggenommen wird, da es unsere Überlebenschancen minimiert im Fall der Ressourcenknappheit.

Oh nein, gar nicht! Das Überleben in der Gesellschaft funktioniert in Polybeziehungen besser. Monogamie hat sich evolutionsbedingt durchgesetzt mit Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht. Ab dem Zeitpunkt, wo es Besitz gab, konnte Besitz vererbt werden. Und dann war auf einmal die Blutlinie wichtig. Als noch nomadisch alle zusammen angepackt haben und der Sonne nach gewandert sind, war es egal, von wem das Kind stammt. Wenn die Chance groß war, dass das Kind von dir hätte sein können, schaust du mehr auf die Frau und die Sippe. Wenn jedes der Kinder im Alter eines Jahres herumläuft, von diesen acht Frauen, mit denen du geschlafen hast, könnte jedes deines sein. Deswegen übernimmst du für alle potentiell die Verantwortung.


Genau diese meinte ich mit der später gesellschaftlich entwickelten Eifersucht. Die evolutiv in uns steckende basiert auf Verlustangst des Individuums. Daran sieht man, wie vielschichtig der Gegenstand Eifersucht ist. Sie ist in nahezu jeder Beziehungsform früher oder später Thema und kann viele Ursachen haben.

Kann man Eifersucht überwinden? Wie arbeitet man mit ihr?

Da geht es jetzt in eine ganz generelle Frage: Ist Poly angeboren, also intrinsisch, oder ist es etwas, für das man sich entscheidet, denn dann wäre das Konzept auch wieder umkehrbar. Nach diesem Modell funktioniert dann auch Eifersucht immer anders, je nachdem. Bist du bereit, nach zehn Jahren Polyleben auf Poly zu verzichten, weil du eine Familie gründen möchtest, und lebst du damit? Oder ist das Polydasein so wichtig und so tief drin, dass du in einer monogamen Beziehung nicht glücklich wirst?


Was sind in polyamoren Beziehungen die häufigsten Trennungsgründe? Sind polyamore Beziehungen statistisch gesehen so langlebig wie klassische Modelle? Und wie sieht es mit der Zufriedenheit, auch der sexuellen Zufriedenheit, Polyamorer aus?

Zur Länge gibt es zwei Studien, die aber nicht repräsentativ sind, denn es hängt auch deutlich vom Alter der Befragten ab. Zur Zufriedenheit von Polybeziehungen gibt es auch einzelne Studien, die sagen: Ja, Polypersonen sind zufriedener als andere. Da gibt es aber wieder Korrelationen zu Alter, Einkommen, sozialer Absicherung etc. Eine deutsche Studie hat gezeigt, dass es ein Gefälle bei getrennt lebenden Frauen im Alter zwischen 30 und 40 gibt, die unzufriedener sind als der Durchschnitt, was aber auch mit Familiengründung zusammenhängt. Sind polyamore Beziehungen sexuell glücklicher? Ja, das sind sie. Aber auch hier gibt es wieder Korrelationen zum Einkommen, denn je höher das Einkommen, desto höher die sexuelle Zufriedenheit. Je höher die Bildung, desto höher die sexuelle Zufriedenheit. Es fällt leichter, über sexuelle Bedürfnisse zu sprechen und diese zu erfüllen, wenn du einen akademischen Abschluss hast und dich mit der Gesellschaft beschäftigst. Die Trennungsgründe bei Polybeziehungen sind schon auch Eifersucht und Kinderwunsch. Auch da haben wir keine Studien. Auf Grundlagen meiner Samples sind es dieselben wie bei Mono-Beziehungen auch: unterschiedliche Vorstellungen, Wohnsituation, Mobilität, sexuelle Schwierigkeiten, wie beispielsweise unerfüllte BDSM-Wünsche...


...Da sprichst du etwas an, das ich sehr interessant finde. Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Poly und BDSM, richtig? Liegt das auch daran, dass es sich aus der LGBTQAI-Szene entwickelt hat?

Ja, ja und ja. Klar, wenn du weißt, du hast ein BDSM-Bedürfnis und die Partner*in kann es nicht erfüllen, lebst du dieses sexuelle Bedürfnis außerhalb der Beziehung aus.


Gibt es irgendwelche Daten dazu, inwieweit die sexuelle Orientierung einen Zusammenhang mit Poly hat?

Es gibt keine Daten dazu, da kann ich nur aus meinem Sample sprechen. Von meinen 33 Personen bezeichnen sich 17 als heterosexuell, also die Hälfte. Das hängt aber auch damit zusammen, wie ich mein Sample gefunden habe.


Lass uns doch einmal konkret über die polyamore Beziehungsgestaltung sprechen. Was sind die Gelingensfaktoren?

Reden, reden, reden, reden und einsehen, dass wenn es nicht gelingt, es auch bleibenzulassen.


Wenn man sich entscheidet, die Beziehung zu öffnen, welche Unterstützungsmöglichkeiten hat man?

Wenige. Sämtliche Beratungsorganisationen sowohl in Österreich, als auch in Deutschland, die unter der Regenbogenfahne auftreten, haben keine explizit ausgebildeten Polyberatungen. Poly ist in keinem Lehrplan. Es gibt sowohl in der Ausbildung zur Sexualberater*in, zur Sexualpädagog*in, als auch in der Paarberatung und der Psychotherapie keinen Punkt im Lehrplan, der sich explizit auf Poly fokussiert. Das heißt alle Leute, zu denen du in die Beratung gehst, haben sich selbst fort- oder weitergebildet, aber es gibt nichts Zertifiziertes. Es gibt in Österreich keinen einzigen zugelassenen Polyverein im Unterschied zu Deutschland. Das heißt, es gibt Leute, die es mitbetreuen, aber die ganz großen Expert*innen haben wir noch nicht.


Das heißt, Polyamore sind erstmal noch Pionier*innen und Autodidakt*innen?

Eigentlich ja, ja.


Hast du für diese Autodidakt*innen Literaturempfehlungen?

Da gibt es die Klassiker: ‚The Ethical Slut‘ von Dossie Easton und Janet W. Hardy, ‚More than Two‘ von Franklin Veaux und Eve Rickert und ‚Poly und Kinder‘ von Elisabeth Sheff. Original deutschsprachig gibt es relativ wenig. ‚111 Gründe, offen zu lieben: Ein Loblied auf offene Beziehungen, Polyamorie und die Freundschaft‘ von Cornelia Jönsson und Simone Maresch. Wenn es intellektueller sein soll und gesellschaftskritisch alles, was Christian Klesse geschrieben hat. Aus der Psychotherapie, also aus der Beratung kommend, hat Meg-John Barker relativ viel gemacht. Deutschsprachig wissenschaftlich hat Marianne Pieper, Soziologin aus Hamburg, relativ viel gemacht. Ansonsten zum Reinhören gibt es noch einen österreichischen Podcast: ‚GspusiCast – Polyamorie auf alpenländisch‘.


Werden alternative Beziehungskonzepte künftig vermehrt Akzeptanz und Praxis erfahren?

Poly ist nicht die Gesellschaftsform der Zukunft. Genau, wie das Radio nicht die Zeitung verdrängt hat, und das Fernsehen in den Sechzigern nicht das Radio, das Internet nicht das Fernsehen... Es wird nur für das verbliebene Medium neue Kanäle öffnen, es wird anders funktionieren und es wird die Gesellschaft verändern. Wird Poly das Beziehungskonzept der Zukunft sein? Nein. Es wird ein weiteres Beziehungsmodell sein, das aber nicht für alle funktionieren wird. Es wird sich stabil einpendeln in der Größe von Homosexualität, Bisexualität, BDSM-Neigung, aber es wird nicht die ganze Gesellschaft poly leben. Es wird ein kleiner Teil machen, der es stabil hinbekommt, es werden viele Leute daran scheitern, so wie viele Leute an der Monogamie scheitern. Es wird eine stabile Beziehungsform werden für 5% der Bevölkerung und dann ist aber auch der Zenit dessen erreicht, was eine echte Polybeziehung mit Schwiegereltern besuchen, gemeinsam Kinder bekommen, mit sich komplett outen, mit beide Partner*innen auf die Weihnachtsfeier mitnehmen, ausmachen kann. Der Rest sind monogame Beziehungen, offene Beziehungen, flexibler gestaltete Geschichten, Relationship anarchy...


Vielen Dank, Stefan Ossmann, für deine sehr interessanten und fundierten Einblicke in die Wissenschaft der Polyamorie.

Gerne!





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